Rückzug aus Facebook

Was nützt es, wenn ein Mensch die ganze Welt gewinnt, aber dabei an seiner Seele Schaden nimmt? Mk 8,36

Seit 2009 war ich in Facebook präsent. Das Netzwerk hatte ich wiederholt als Marktplatz betrachtet, auf dem jeder seine Perspektive einbringen kann. Für den weltweiten Kontakt mit ehemaligen Mitstudenten und für den Kontakt mit neuen Perspektiven schien es mir unverzichtbar. Bewusst bemühte ich mich, Filterblasen zu vermeiden. Viele Freundschaften entstanden auf diesem Weg, Gleichzeitig erlebte auch ich, was Michael Blume so beschrieb: „Schon seit Jahren warne ich ja vor den Gefahren der digitalen Verrohung und Radikalisierung und habe sie auch mit Beschimpfungen, Drohungen etc. immer wieder am eigenen Leib erfahren“

 

Und ich verbrachte zu viel Zeit mit virtuellen Welten. Darunter litt der Kontakt zu den Menschen vor Ort, denen stets meine erste Aufmerksamkeit hätte gelten müssen. Zu oft floh ich vor realen Problemen in die virtuelle Welt. Gleichzeitig wurde ich auch den Menschen im Netz nicht gerecht, deren Hoffnungen oftmals größer waren als meine Möglichkeiten, zu helfen. So verletzte ich auch Online durch ungeschickte Worte Menschen, denen ich eigentlich helfen wollte. 

Ich verlasse Facebook mit Dankbarkeit für die Möglichkeit, Menschen kennenzulernen, die ich sonst nie getroffen hätte. Ich freue mich über alle Freundschaften, die hier ihren Anfang nahmen. Ich entschuldige mich bei allen, die ich durch mein Handeln enttäuscht habe oder die jetzt enttäuscht sind, weil ich das Netzwerk verlasse. Ich bin traurig über alle missglückten Versuche, Menschen zu begegnen und von ihrer Erfahrung zu lernen. 

Der Ausstieg aus Facebook war für das Sabbatjahr 2021 bereits geplant. Anstoss ist die Neuorientierung nach Martinas Tod.

Der Ausstieg wurde nun nach der Reise zur Donauquelle, nach Beuron und Benediktbeuern vorgezogen und in der Ulrichskirche zu Augsburg mit Wirkung vom 1. August verbindlich beschlossen. Der Beschluss bindet bis 4. Juli 2022. Facebook bindet zu viel Energie und verhindert, meinen eigenen Weg zu finden.

Ich verlasse die sozialen Medien, entziehe mich aber nicht sozialen Kontakten. Ich bleibe also erreichbar. 

Dr. Ernst-Ulrich Kneitschel

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