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Dialysegedanken am Palmsonntag

Jede Dialysemaschine hat ihre Persönlichkeit. Die Geräusche. Das Piepen. Manche sind sehr empfindlich. Jede kleine Bewegung des Arms führt zu Protest. Es sind die Begleitgeräusche der Lebensverlängerung. Die Dialyse gibt dem Leben einen neuen Takt. Neue Zeitpakete, die sich nicht nach Sonne und Mond richten. Ein Tag ohne Dialyse. Ein Tag mit Dialyse. Und zwischendurch zwei Tage ohne Dialyse. Technisch ist die Dialyse der Entzug von Wasser und Schadstoffen aus dem Blut, weil die Niere das nicht mehr leistet. Daneben ist die Dialyse aber Loslassen von Dingen, die nicht in meiner Macht stehen. 


Ich habe die künstliche Intelligenz gefragt, was der griechische Denker Epiktet zur Dialyse sagen würde. Hier die Antwort: 


Betrachtest Du die Dialyse als ein Unglück? 

Wenn Du sie als ein Unglück betrachtest, wirst Du unglücklich sein. 

Sage stattdessen: ich habe nun die Möglichkeit, meine Standfestigkeit zu üben. 

Es ist in Deiner Macht, mit Anstand zu der Maschine zu gehen. Es ist in Deiner Macht, den Ärzten und Schwestern mit Respekt zu begegnen. Es ist in Deiner Macht, während der Stunden der Reinigung deinen Geist zu beschäftigen.


Ich erinnere mich an die ersten Male, die Angst vor dem Fremden und von dem Verlust an Freiheit und Kontrolle. Man wird abhängig von einer Maschine. Abhängig auch von Ärzten, Pflegern, Schwestern, Blutkontrollen, Kalium und Phosphatwerten. Das leckere Schnitzel wird zum Problem. Die Dialyse macht die Seele manchmal schwermütig. Pläne werden durchkreuzt. Der Alltag ist halbiert. Müdigkeit, schmerzende Beine, ein Kribbeln. 


Und doch lernte ich, meiner Zeit eine neue Bedeutung zu geben. Die Kunst, den Augenblick zu nutzen, wo immer der Körper das zulässt. Ich lese, schreibe Texte oder sehe Filme. Manchmal gibt es unerwartet tiefe Gespräche mit Mitpatienten oder Schwestern. Manchmal sackt der Kreislauf ab oder ein Krampf lenkt alle Aufmerksamkeit auf den Körper. 


Ein Wechselbad der Gefühle wie die Zeit zwischen Palmsonntag und Ostern.

Jubel beim Einzug nach Jerusalem.

Gemeinsame Erinnerung an Gründonnerstag.

Schmerz und Ohnmacht am Karfreitag.

Und die Erkenntnis, dass das Leben am Ende stärker ist als der Tod an Ostern. 


Der Weg ist anders als gewünscht. 

Doch der schmale, steile Weg beleuchtet seelische Welten, die ich sonst nie gesehen hätte. 

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