Unsere Entscheidungen haben massiven Einfluss darauf, wie eine Geschichte weitergeschrieben wird. Unter der Prämisse eines göttlichen Du reagiert Gott auf uns – wie bei einem Tanz auf die bloße Andeutung einer Drehung.Als Israel einen König will, geht Gott darauf ein und macht später einen Nachkommen Davids zum Eckstein seines Heilsplans. In der Liebe ist es ähnlich: Ich entscheide mich für oder gegen einen Eingriff. Ich entscheide, Zeit und Energie in Richtung konkreter Personen fließen zu lassen und anderen zu entziehen.
Der barmherzige Samariter entscheidet sich spontan zu helfen. Die Priester und Leviten entscheiden sich, ihrer eigentlichen Aufgabe treu zu bleiben. Jesus kritisiert keine dieser Entscheidungen, denn wir können nicht immer und überall helfen. Doch er blickt auf den, dem geholfen wird. Es ist oft notwendig, dass jemand eine unerwartete Entscheidung trifft, um eine Geschichte grundlegend zu verändern. Es geht dabei nicht um die einmalige Messung, die flüchtige Verliebtheit. Es geht um die Geschichte, die folgt.In der Liebe durchkreuzen wir Erwartungen und machen uns angreifbar. Das individuelle Bewusstsein scheint oft dort greifbar zu sein, wo der normale Gang der Dinge unterbrochen wird. In den vielen alltäglichen Begegnungen in Straßenbahnen, Einkaufszonen oder im Beruf entsteht echte Verbindung dort, wo die Routine bricht. Mir fällt etwas im Du auf. Dem Du fällt etwas in mir auf. Es entsteht ein gemeinsames Bewusstsein.Das Liebesgebot fordert uns zur bewussten Suche nach solchen überraschenden Verbindungen auf. Nicht nur im Freund, sondern auch im Feind. Wenn das Bewusstsein ein universelles Feld ist, haben wir alle denselben Ursprung. Meine Aufgabe beim Gang durch die Stadt ist es, diese Unterbrechungen der Routine zu entdecken. Der barmherzige Samariter unterbricht seinen Alltag, sorgt für den Fremden und lässt dann los. Er geht weiter, trägt den Menschen aber im Herzen mit. Eine neue Verbindung ist entstanden, die verändert.
Doch wie reagiert unsere moderne Kultur auf diese Unberechenbarkeit des Lebens? Mit Kontrollwahn.In den sozialen Netzwerken wird versucht, Liebe durch starre, wiederholbare Strukturen abzusichern. Tatsächlich aber ersticken solche Strukturen die Liebe. Moderne Ratgeber verwechseln Liebe mit Besitz und empfehlen, die Partnerschaft wie ein Hochsicherheitsgefängnis zu verwalten: Handy kontrollieren, Standorte teilen, Passwörter auszutauschen. Alles im Namen der Sicherheit, unter dem Deckmantel, Irrtümer und Verletzungen ausschließen zu wollen.Natürlich erfordert ein gemeinsamer Weg exklusive Zeit und den Blick auf eine gemeinsame Zukunft. Doch das darf nicht bedeuten, dass jeder andere Kontakt, jedes nette Wort oder jedes Kaffeetrinken mit einer dritten Person unter Generalverdacht stehen. Wer den Partner unter das Mikroskop legt und jede Nachricht scannt, sucht nicht nach Liebe, sondern nach Beweisen für deren Abwesenheit.„Du liest meine Nachrichten, während ich schlaf' / Suchst nach einem Grund für einen Streit am Tag.“— Apache 207 (Fame)Es ist die Paranoia der totalen Transparenz. Wenn wir die universelle Freundlichkeit gegenüber der Welt auf Null herunterfahren müssen, um dem Partner Besitzrechte zu garantieren, machen wir die Partnerschaft zu einem emotionalen Gefängnis.
Diese Verengung bleibt vom Umfeld selten unbemerkt. Der Übergang vom Verliebtsein in das schleichende Verstummen wird oft zuerst von außen wahrgenommen:„Und alle meine Freunde finden, dass ich leiser bin. Dass ich leiser bin, leiser, seit ich bei dir bin.“— LEA (Leiser)Wenn ein Mensch in einer Beziehung seine Lebendigkeit verliert, ist das kein Zeichen von harmonischer Exklusivität, sondern ein Alarmsignal. Es ist das Zeichen dafür, dass das individuelle Fenster zur Welt zugeschlagen wurde, um den Raum vakuumzuverpacken.Man kann ein kosmisches Feld nicht einzäunen; man kann sich nur gemeinsam in ihm bewegen. Die Liebe eines Paares ist nicht dazu da, die Welt draußen sterben zu lassen. Sie ist ein wärmender Tanz, der so viel Energie freisetzt, dass sie überfließt und das gesamte Umfeld erwärmt, statt es paranoisch auszuschließen.Das Vertrauen ist das theologische Äquivalent zur Quantenphysik: Es hält die Verschränkung zweier Seelen aufrecht, selbst wenn sie sich durch den Raum bewegen und von anderen Kräften gestreift werden.Wenn die gemeinsame Zusage Bestand haben soll, dann nicht durch die paranoide Labormessung oder die totale Kontrolle. Sondern durch das tägliche Wagnis, trotz der eigenen Angreifbarkeit die Routine zu unterbrechen, dem Anderen sein Fenster zur Welt zu lassen – und darauf zu vertrauen, dass der gemeinsame Regenbogen aus dem Residenzgarten hell genug leuchtet, um den Weg nach Hause zu weisen.


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