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Biblische Anmerkungen zu kirchlichen Strukturen

Wer meine Texte liest, könnte meinen, ich sei unter die kirchlichen Anarchisten gegangen. Ich schreibe vom „Freiraum des Hintensitzens“, vom „Abschied vom klerikalen Suchraster“ und davon, dass Jesus ohnehin längst außerhalb der dicken Kirchenmauern am Kaffeetisch sitzt und am Espresso nippt.Da liegt die Frage nahe – und im digitalen Dialog wurde sie mir unlängst recht unverblümt gestellt: 


Wenn du Jesus doch schon neben dir sitzen siehst, warum quälst du dich dann überhaupt noch mit der Struktur? Warum kehrst du der Institution nicht einfach endgültig den Rücken?


Die Frage ist berechtigt. Sie legt den Finger in die Wunde einer zutiefst dialektischen Existenz. Doch eine reine Flucht ins Private, in ein rein unverbindliches „Jesus-und-ich-Gefühl“ auf der Straße, greift theologisch zu kurz. Warum das Ringen um und mit der Struktur kein nostalgischer Fehler, sondern eine genuine Pflicht der Nachfolge ist, begründet sich in zwei Beobachtungen:


1. Jesus und die geheiligte Reihe (Die Taufe am Jordan)


Jesus war kein antistruktureller Aussteiger. Er bricht nicht radikal mit den religiösen und gesellschaftlichen Gefügen seiner Zeit, sondern er inkarniert sich in sie hinein.


Der Gang zum Jordan: Als Jesus sich von Johannes taufen lässt, reiht er sich buchstäblich in die staubige Warteschlange einer bestehenden Umkehrbewegung ein. Er bittet um ein Ritual, das er strukturell nicht „nötig“ gehabt hätte, und heiligt damit die menschliche Form.


Der Gang zum Priester: Wenn Jesus Aussätzige heilt, schickt er sie im selben Atemzug zu den amtierenden Priestern. Er respektiert die kirchenrechtliche und hygienische Ordnung des Tempelsystems.Das bedeutet für mich: Wer die Struktur gänzlich ignoriert, verlässt den Raum der konkreten, Fleisch gewordenen Welt.


 Wenn ich mich „hinten in die kühlen Kirchen“ setze, tue ich das im Bewusstsein, dass auch die mangelhafte Struktur ein Ort ist, an dem Menschen Gott suchen. Das Ringen mit ihr ist kein Zeitvertreib, sondern das Aushalten der Menschwerdung Gottes im Allzumenschlichen.


2. Das Bedürfnis nach Heimat (Die Wohnungen im Haus des Vaters)


Das hohepriesterliche Gebet Jesu lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: 


„...dass alle eins seien“ (Joh 17,21). 


Struktur ist das – oft missglückte und sündige – irdische Gefäß für dieses tiefe, legitime menschliche Bedürfnis nach Einheit, Heimat, Verbindlichkeit und Tradition.Im Johannesevangelium spricht Jesus zudem ein wunderbares Trostwort:


 „In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen“ (Joh 14,2).


Keine Kaserne, sondern ein Haus: Das Faszinierende an diesem Bild ist, dass das eschatologische Ziel kein genormter Großraum und keine spirituelle Einheitskaserne mit starrer Hausordnung ist. Es ist ein Haus mit vielen Wohnungen.


Platz für Sonderwege: Die irdische Institution neigt dazu, alle Gläubigen in dieselbe normierte Wohnung zu sperren und das Suchraster der Verwaltung über den Geist zu legen. Wenn ich mich mit der Struktur reibe, dann tue ich das nicht, um das Haus abzureißen – sondern um lautstark einzufordern, dass im irdischen Abbild dieses Hauses auch eine Wohnung für die „Sonderwege eigenwilliger Persönlichkeiten“ frei bleibt.


Das Kreuz mit der Institution

Es bleibt eine schmerzhafte Spannung. Wenn wir die Struktur einfach wegwerfen, verflüchtigt sich der Glaube ins Unverbindliche. Wenn wir uns ihr blind unterwerfen, erstickt sie den Geist.


Die eigentliche spirituelle Souveränität liegt im leidenschaftlichen Mit-Leiden an der Institution. Ich bettle nicht mehr darum, vorne auf der Bühne stehen zu dürfen. 

Aber ich bleibe in der letzten Bank sitzen – als treuer, unbequemer Zeuge. Weil mir die Einheit nicht egal ist. Und weil der Espresso mit Jesus im Kirchenraum eben doch anders schmeckt als ganz allein im stillen Kämmerlein.

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