Star Trek: Zukunft mit Rissen
Man könnte sagen: Die alte Welt von Star Trek, wie sie einst konzipiert wurde, ist in den jüngeren Erzählungen ein Stück weit untergegangen. Aber sie ist nicht verloren – sie ist erwachsen geworden. Wir haben als Menschheit den unschuldigen Glauben an eine rein technologische Erlösung verloren.
Star Trek zeigt uns eine Zukunft, in der viele Probleme gelöst sind:
„In den letzten drei Jahrhunderten hat sich unglaublich viel verändert. Es ist für die Menschen nicht länger wichtig, große Reichtümer zu besitzen. Wir haben den Hunger eliminiert, die Not, die Notwendigkeit reich zu sein. Die Menschheit ist erwachsen geworden.“
Glänzende Raumschiffe. Replikatoren. Eine Medizin, die Organe per Pille nachwachsen lässt. Und doch braucht es weiterhin Ärzte. Das ist so im 24. Jahrhundert und das scheint sich im 32.Jahrhundert nicht zu ändern. Manche dachten, im 32. Jahrhundert der neuen Starfleet Academy gäbe es keine Behinderung mehr. Doch es gibt beides. Einige Fans kritisieren das.
Warum tragen Menschen dort noch Brillen oder Hörgeräte? Ist das ein technologischer Rückschritt? Ein Logikloch der Autoren?
Das Geschenk der Sterblichkeit
Selbst das hochentwickelte 32. Jahrhundert hebt die Sterblichkeit nicht auf. Menschen altern. Das Ende bleibt unumstößlich. Das ist eine bewusste Wahl der Erzähler. Selbst die mächtigen Q sterben am Ende. Es dauert nur länger.
Als Admiral Picard stirbt, wird sein Bewusstsein in einen synthetischen Körper übertragen. Er erhält keine unsterbliche Hülle. Sein neuer Körper altert ganz normal. Auch der Android Data bittet vor seinem Abschied darum, sterben zu dürfen. Erst die Begrenztheit der Zeit verleiht dem Leben Wert:
„Ein Schmetterling, der ewig lebt, ist kein Schmetterling mehr.“
Diese Erzählung ist natürlich auch der Realität geschuldet. Man wollte die gealterten Schauspieler noch einmal sehen.
Der digitale Auftritt von ABBA zeigt aber: Das Problem lässt sich per KI lösen.
Das Altern in Star Trek ist also kein Mangel an Technik. Es ist eine Entscheidung.
Ohnmacht als Freiraum
Krankheiten und Tod durchbrechen auf radikale Weise Routinen und beenden jede Illusion, dass wir die Welt kontrollieren. Zeit wird intensiver erlebt, wenn sie sich immer neu den eigenen Plänen entzieht.
Wir erkennen: es gibt Dinge, die andere für uns vorbereitet haben. Und wir bereiten Dinge vor, die wir nicht nutzen werden. Klar, wir können ein Testament aufsetzen, aber was tatsächlich geschieht, entzieht sich unserem Einfluß. Auch Texte können unterschiedlich gedeutet werden.
Wer über Jahrzehnte gesund war, ist manchmal überfordert, wenn die Kraft des Körpers nachlässt. Chronisch kranke Menschen lernen: ich lebe, weil Menschen Wege gefunden haben, Krankheit zurückzudrängen. Die Dialyse ist eine unvollkommene Kopie der Niere, doch sie ermöglicht, den Alltag über Jahrzehnte zu gestalten.
Die Schule der Ohnmacht
Die bewusste Verweigerung einer technologischen „Reparatur“ zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Föderation.
Im 24. Jahrhundert sehen wir die Vorboten. Commander Geordi La Forge ist blind. Er sieht ein bestimmtes Farbspektrum mit seinem Visor. Er soll durch die [scheinbare] Allmacht von Q biologische Augen erhalten. Er weigert sich. „Der Preis ist mir ein bisschen zu hoch“, sagt er. Eine erzwungene Perfektion hätte seine Identität entwertet.
B’Elanna Torres verweigert eine medizinische Rettung, die auf unethischer Forschung basiert. Seven of Nine kämpft für ihr Recht auf Selbstbestimmung, als man sie komplett an die menschliche Norm anpassen will. Dr. Julian Bashir verachtet die genetische Optimierung seiner Kindheit und wählt die menschliche Fehlbarkeit.
Die Weisen des 32. Jahrhunderts
Kadetten an der Akademie im 32. Jahrhundert nutzen Rollstühle oder leben mit Gehörlosigkeit. Das ist kein Rückschritt. Meine These: die Gesellschaft hat nach einem kosmischen Trauma die gewaltsame Anpassung an eine biologische Norm aufgegeben.
Wir sehen dies bei SAM, der photonischen Kadettin. Als perfekte 17-Jährige programmiert, reift sie erst, als sie nachträglich die Krisen einer Kindheit und Jugend durchlebt. Wahre Entwicklung entsteht nur durch Verwundbarkeit.
Nachwort: Wo nur das Schweigen bleibt
„Nein, Pater. Ich habe eine andere Vorstellung von Liebe. Und ich werde mich bis zum Tod weigern, eine Schöpfung zu lieben, in der Kinder gefoltert werden.“
Albert Camus
Doch genau hier, wo die Fiktion endet, stößt jede Philosophie an ihre Schmerzgrenze. Wir müssen vorsichtig sein, die „Schule der Ohnmacht“ nicht als Allheilmittel zu missbrauchen. Es gibt ein Leiden, das sich nicht pädagogisch, spirituell oder erzählerisch in Zeit und Raum wenden lässt.
Und es ist zulässig, eine Theologie abzulehnen, die zu selbstbewusst Gott entlastet.
Schmerz hat viele Gesichter, und die griechische Antike wusste das:
Sie unterschied zwischen Ponos – der mühsamen, ringenden Anstrengung, die wie bei der Dialyse Zeit schenkt – und Algos, dem tiefen, zerstörerischen Kummer.
Theogonie des Dichters Hesiod (ca. 700 v. Chr.)
Es gibt in der Welt diesen existenzielle Schmerz, der von der ersten bis zur letzten Sekunde des Lebens zum erbarmungslosen Dauerbegleiter wird ... dieses Leid ist oft einfach nur grausam, stumm und überwältigend. Es darf und kann nicht durch kluge Texte gerechtfertigt werden. Wo der Schmerz jede Reflexion auffrisst, verliert die Utopie ihre Gültigkeit. Dort bleibt uns keine tiefere Deutung, sondern nur das schlichte, mitfühlende Aushalten an der Seite des anderen. Manchmal bedeutet Liebe nicht, den Spalt in der Tür zu suchen, sondern gemeinsam im Dunkeln vor der geschlossenen Tür
auszuharren.


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