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Das Höhlensystem im Gurkenglas

Was wäre der Mensch ohne seine Träume. Manchmal wache ich morgens auf und staune, was mein Gehirn da nachts produziert hat. Ob es da eine eigene Abteilung mit Angestellten gibt, die für die nächste Nacht eine neue Dramaturgie vorbereiten. Der nachfolgende Traum führt in eine Höhlenwelt. Am Ende akzeptiert das Ich den Ort. Keine Fragen werden gestellt. Es gibt nur die Höhle, weil nichts anderes messbar ist. 

Als ich vor die Tür trat, befand ich mich in einem Gurkenglas. Die Nacht fühlte sich kalt an und es roch nach Essig. Am Boden war eine Falltür. Eine Wendeltreppe führte durch eine Tropfsteinhöhle in eine unterirdische Stadt. Kanäle mit Restaurants. Der Gurkensalat war berühmt.Am Tisch saß ein Herr mit Anzug und spielte Schach. Das Pferd, mit dem er spielte, hatte gerade ein Ass und drei Buben abgelegt, als der Metzger durch die Dachluke trat. Das Pferd nahm noch einen letzten Zug aus der Zigarre und bestieg dann die Kutsche. Der Metzger weinte. Noch immer tränten ihm die Augen, wenn er Zwiebeln schnitt.Ich ging zur Rezeption und zog eine Nummer. Vor mir waren noch 10 Leute. Ich buchte ein Zimmer für die nächsten 29 Jahre. Danach kam ich wieder und erkannte, dass in den Jahrzehnten das Hotel neue Fenster bekommen hatte.„Ich habe die Nummer 1971“, sagte ich zur Dame an der Rezeption.„Natürlich“, sagte sie.Ich war verwirrt. Das hätte nicht passieren dürfen. Lichtjahre von meinem letzten Leben war mein Geburtsjahr aufgetaucht. Tabakrauch erfüllte den Raum. Das Pferd war gekommen. Es aß eine Gurke und schloss dann das Gurkenglas.„Das macht doch nichts. Spontane Erinnerungen an frühere Existenzen brechen manchmal durch. Manche sprechen von alten Städten und Flüssen. Doch das alles ist nur Illusion. Nichts davon ist messbar, also existiert es nicht.“Es wurde dunkel. Der Therapeut schüttelte den Kopf.„Sie müssen akzeptieren, dass es diesen blauen Planeten nie gab. Wir haben nicht einmal Ihre Sonne oder Ihre Galaxie entdeckt. All das ist nur in Ihrer Fantasie.“„Wo sind wir hier?“„Andromeda heißt diese Höhle. Wir leben hier.“„Und was ist draußen?“„Es gibt kein Draußen.“„Na gut... wer bin ich?“„Er wird vernünftig.“Pferd und Metzger nickten. Tante Rosie kam rein. Ich ging zur nächsten Wand und grub weiter wie seit Jahrtausenden.

 Geistesgeschichtliche Bibliographie 


 1. Konstruktion der Realität


* Baudrillard, J. (2014). Agonie des Realen (W. Seitter, Übers.; 7. Aufl.). Merve Verlag. (Originalwerk veröffentlicht 1978).


* Bezug: Das Leben im Gurkenglas als perfekte Hyperrealität. Die Simulation (Andromeda) hat das Original (die Erde) so vollständig ersetzt, dass die Erinnerung an den blauen Planeten als bloße Anomalie abgetan wird.


* Descartes, R. (1993). Meditationen: Mit sämtlichen Einwänden und Erwiderungen (C. Wohlers, Übers.). Felix Meiner Verlag. (Originalwerk veröffentlicht 1641).


* Bezug: Der Therapeut agiert als Descartes’ genius malignus (der betrügerische Gott). Er manipuliert die Wahrnehmung des Ichs so methodisch, bis dieses die eigene Herkunft leugnet.


* Foerster, H. von. (1993). Wissen und Gewissen: Versuch einer evolutionären Erkenntnistheorie. Suhrkamp.


* Bezug: Radikaler Konstruktivismus im Traum. Die Behauptung „Nichts davon ist messbar, also existiert es nicht“ spiegelt die radikale Einsicht, dass Umwelt vom Nervensystem (der „Abteilung mit Angestellten“) erzeugt wird.


* Platon. (2011). Der Staat / Politeia (G. Eigler, Hrsg.; F. Schleiermacher, Übers.). Wissenschaftliche Buchgesellschaft. (Originalwerk verfasst ca. 375 v. Chr.).


* Bezug: Das Andromeda-Höhlensystem als moderne Adaption des Höhlengleichnisses. Die Wände, an denen das Ich seit Jahrtausenden gräbt, sind die Grenzen einer vorgegaukelten Gefangenschaft.


2. Das Absurde, die Bürokratie


* Camus, A. (2000). Der Mythos des Sisyphos: Ein Versuch über das Absurde (V. von Wrangel, Übers.). Rowohlt. (Originalwerk veröffentlicht 1942).


* Bezug: Das Finale der Geschichte. Das Ich akzeptiert die Sinnlosigkeit, zieht keine logischen Schlüsse mehr und gräbt weiter. „Man muss sich Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen“ – oder hier: als einen vernünftig gewordenen Höhlenbewohner.


* Carroll, L. (2001). Alice im Wunderland (C. Enzensberger, Übers.). Insel Verlag. (Originalwerk veröffentlicht 1865).


* Bezug: Die Traum-Logik des schachspielenden Pferdes, das Pokerkarten ablegt. Es ist die literarische Tradition des Non-Sense, in der absurde Handlungen innerhalb des Systems absolut folgerichtig wirken.


* Kafka, F. (1994). Der Process. S. Fischer. (Originalwerk veröffentlicht 1925).


* Bezug: Das Nummernziehen an der Hotelrezeption und das plötzliche Altern des Gebäudes. Die Zeitkrümmung ist geprägt von einer kalten, bürokratischen Unnahbarkeit, die typisch für kafkaeske Labyrinthe ist.


 3. Zeitphilosophie und das Unbewusste


* Bergson, H. (1982). Materie und Gedächtnis: Eine Abhandlung über die Beziehung zwischen Körper und Geist (R. Bernstein, Übers.). Felix Meiner Verlag. (Originalwerk veröffentlicht 1896).


* Bezug: Die Gleichzeitigkeit der Jahrzehnte. Die Buchung des Zimmers für 29 Jahre und der sofortige Sprung in die Zukunft illustrieren Bergsons Durée (die erlebte, elastische Zeit) im Gegensatz zur messbaren Uhrenzeit.


* Dick, P. K. (2014). Ubik (R. M. Hahn, Übers.). Fischer Tor. (Originalwerk veröffentlicht 1969).


* Bezug: Der Verfall der Realitätsebenen. Die Jahreszahl 1971 bricht wie ein Relikt aus einer verblassten Epoche in die sterile Höhlenwelt ein, analog zu den zeitlich regressiven Gegenständen in Dicks Meisterwerk.


* Freud, S. (1999). Die Traumdeutung (Gesammelte Werke, Bände II/III). Fischer Taschenbuch Verlag. (Originalwerk veröffentlicht 1899).


* Bezug: Die „Abteilung mit Angestellten“ als Personifizierung des Unbewussten. Banale Tagesreste (Gurkensalat, Zwiebeln) werden mit der Ur-Angst vor dem Identitätsverlust verschmolzen.





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Kommentare: 1
  • #1

    Charis Haska (Dienstag, 07 Juli 2026 07:50)

    Wirklich erstaunlich! Danke für den plastischen Traum!