Von der Freundschaft

Dem Nachbar nicht zu nah und nicht zu fern. Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist. Und doch ziehen sich Menschen in die Einsamkeit zurück. 

Dem Nachbar nicht zu nah und nicht zu fern. Wir leiden unter der Distanz zu den Menschen, die wir lieben. Wir brauchen die Möglichkeit zum Rückzug. 

Dem Nachbar nicht zu nah und nicht zu fern. Das soll das Besiedelungskonzept des Riesengebirges im Mittelalter gewesen sein. Dort wuchs mein Vater auf. 

Corona ist eine Katastrophe. 

Corona macht aber auch sichtbar, was wirklich zählt. 

Zuneigung bleibt erlebbar. Aber sie zeigt sich im Abstand. 

Liebe bleibt fassbar. Aber sie ist mehr und anderes als körperliche Nähe. 

Gott bleibt spürbar. Aber er meidet die Institution und wartet in der Stille.   

In der Trauer werden Freundschaften besonders wichtig. Sie helfen uns, den eigenen Weg neu zu entdecken. Freunde helfen uns, unserer Seele zuzuhören. 

 

Als aber die drei Freunde Hiobs all das Unglück hörten, das über ihn gekommen war, kamen sie, ein jeder aus seinem Ort: Elifas von Teman, Bildad von Schuach und Zofar von Naama. Denn sie wurden eins, dass sie kämen, ihn zu beklagen und zu trösten. Und als sie ihre Augen aufhoben von ferne, erkannten sie ihn nicht und erhoben ihre Stimme und weinten, und ein jeder zerriss sein Kleid, und sie warfen Staub gen Himmel auf ihr Haupt und saßen mit ihm auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte und redeten nichts mit ihm; denn sie sahen, dass der Schmerz sehr groß war. (Hiob 2, 11 - 12)

 

7 Tage Stille. Diese Stille war wichtiger als alle Reden, die danach folgen. Freunde müssen keine Lösung präsentieren, sie müssen nur da sein. Manche hören zu. Manche lenken ab. Manche haben neue Impulse. 

Freunde sind Ratgeber, Tröster, Mahner. Wichtiger aber ist: sie sind da!

Freundschaft  lebt von gemeinsamer Zeit. Freundschaft hilft dem anderen, seinen eigenen Weg zu finden. Freundschaft verwechselt nicht das Glück des anderen mit dem eigenen Vorteil. 

Es gibt vergiftete Beziehungen. Da wird gemeinsam gegen Dritte geschimpft. Da werden Freundschaften zu Filterblasen, die Mauern nach außen aufbauen. Da wird das Ego aufgeblasen bis am Ende beide verlieren. Vertrauen finde ich bei Menschen, die meine Seele so behandeln als wäre es ihre eigene.

 

"Nach dem Gespräch Davids mit Saul schloss Jonathan David in sein Herz, und Jonathan liebte David wie sein eigenes Leben. Er schloss mit David einen Bund, denn er hatte ihn lieb wie sein eigenes Herz. Er zog den Mantel, den er anhatte, aus und gab ihn David, ebenso seine Rüstung, sein Schwert, seinen Bogen und seinen Gürtel." (1 Sam 18,1-4)

 

Freundschaft ermöglicht, die eigene Maske fallen zu lassen im Vertrauen, dass der andere dies aushält und man aufgefangen wird. 

Freundschaft ist freiwillige Gabe ohne Forderung. Und erfordert zwingend gegenseitige Achtung vor den Grenzen des Du. 

Freundschaft ist selten. Freundschaft ist immer einzigartig. Und Freundschaft ist inklusiv statt exklusiv: sie will die Nähe des Du, freut sich aber auch, wenn der Freund mit anderen glücklich ist. Freundschaft sucht nicht den eigenen Vorteil. 

Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist. Doch  manchmal ist es besser allein zu bleiben. Wir öffnen uns. Wir machen uns verletzbar. Wir sind ängstlich. Manche Beziehungen sind toxisch. Wir öffneten uns und wurden enttäuscht. Wir wurden zu Dingen gezwungen, die wir nicht wollten. Wir taten sie trotzdem und hielten das für Liebe. Wir bleiben, weil wir Angst vor der Einsamkeit haben. 

Wir sind verletzte Kinder. Und doch sehnen wir uns nach Menschen, die uns einfach so annehmen, wie wir sind. Wir suchen nach einem Menschen, der uns Heimat und Geborgenheit gibt ohne uns zu fesseln. Wir suchen eine Bindung, die uns frei macht. Nur dann können wir über uns hinauswachsen und unseren Weg in dieser Welt finden.