Wenn die molekulare Reise endet, bleibt das Ich keine einsame Illusion im Nichts, sondern eine Antwort in einem Gespräch, das niemals abreißt.

„Der Mensch wird am Du zum Ich.“
(Martin Buber)
Die Identität eines Menschen entsteht erst in der Resonanz mit dem Du. Erst im Kontakt mit einem Gegenüber gewinnt das neuronale Netzwerk seine Kontur. Wir sind Beziehungswesen.
Wenn das Gehirn das passive Archiv unserer Wege ist, dann ist das Du die Instanz, die diese Daten liest. Es verknüpft die verstreuten Erinnerungsspuren der Materie zu einer unverwechselbaren Biografie. Theologisch steht hinter dem Bewusstsein ein göttliches Du, das selbst Gemeinschaft ist und deshalb Gemeinschaft sucht und einbindet.
„Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen.“
(Heraklit)
Menschsein bedeutet, durch die Zeit wandern und sich wandeln. Das Ich ist dynamisch. Wie Moleküle, die einen Flusslauf durchqueren. Irgendwann tritt ein kleiner Bach an einer Quelle ins Licht. Andere kleine Bäche kommen dazu. Und dann versickert alles. Wie die Donau in Baden-Württemberg. Das Loslassen ist Teil des Programms. Wenn das Gehirn altert oder versagt, bleiben die Spuren der Existenz dennoch erhalten. Die Moleküle bleiben in der Erde, selbst wenn der Körper verbrannt wird, bleibt da etwas in der Welt, dass im Kontakt mit diesem Ich war. Das Ich bleibt eine Antwort auf ein „Du“, das uns meint. Wir sind mehr als ein Tanz der Moleküle am Rande des Nichts – wir sind ein Bewusstsein mit Geschichte, gehalten in einer Verantwortung, die über das Biologische hinausreicht.
„Das Universum ist nicht nur seltsamer, als wir es uns vorstellen, sondern seltsamer, als wir es uns vorstellen können.“
(Arthur Eddington)
86 Milliarden elektrische Blitze in Knochen aus Kalk. Ein Computer im Knochengehäuse, der Zeichen deutet, damit wir nicht gegen Wände rennen. Das Gehirn ist wie das Wasser im Fluss – es schleppt Dreck mit, Isotope, den Abrieb der Welt, Erinnerungen aus Begegnungen. Freude und Trauer. Schmerz und Lachen. Man kann die Reise messen, jedes Atom zählen. Aber das Wasser fühlt den Fluss nicht. Spuren, die da sind und nichts wissen.
„Die Freiheit ist die einzige Wahrheit.“
(Friedrich Schiller)
Das Ich erkennt sich selbst erst in Begegnung mit Welt und Du. Manche sagen: Dein „Ich“ ist ein Trick der Evolution, ein Tanz im Kalkgehäuse, bevor alles zu Staub zerfällt. Aus der Symphonie der Zellen entsteht ein Ich, das spürbar wird, wenn die Routine endet. Das Ich ist jene Instanz, die uns aus dem mechanischen Autopiloten reißt, wenn die Einbahnstraße der Gewohnheit endet. Dort, wo der Mechanismus hakt, wird die Biologie durchlässig für etwas anderes: für einen Funken an Freiheit und Verantwortung.
Das Ich ist kein Gegenstand. Es ist der verwirrende Schrei im Körper. Etwas erlebt Farben. Etwas erlebt Liebe. Da ist mehr als Materie kann. Wissenschaft an der Grenze des Messbaren.
„Was wir Tod nennen, ist in Wahrheit der Anfang des Lebens.“
(Thomas von Aquin)
Dann das Versickern. Wie bei der jungen Donau, wo das Wasser in den Klüften des Gesteins verschwindet. Demenz. Sterben. Die Drähte reißen, die 86 Milliarden Lichter gehen aus. Schwarz. Doch der Kalk ist löchrig. Derselbe Kalk, der den Schädel baut, bildet die Spalten im Gestein. Das Wasser ist nicht weg, es fließt nur tiefer.
Jemand hebt die versickerten Fäden auf, die wir fallen lassen. Ein alter Glaube. Geboren in Erfahrungen. Da ist ein Bewusstsein, das die versickerten Fäden unserer Existenz auffängt. Er macht aus den Erinnerungsspuren des Körpers ein „Bewusstsein mit Geschichte“. Ein ewiger Tanz. Nicht messbar. Und dann der Aachtopf. Dort, wo das Versickerte neu emporbricht:
Tief im Stein erwacht etwas aus tiefer Not,
Hinter dem Versinken wartet nicht das Leere,
Erinnerungen aus dem Nichts ins Licht sich neigen,
ein ewig Du hilft dem Ich, sich endlich neu zu zeigen.
Es endet nun die körperliche Schwere,
Als Stimme in neuer Symphonie. Besiegt ist der Tod.



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