Die Folgen von Gewalt und Krieg prägen Europa bis heute. In der Ukraine ist es weiterhin bittere Realität. Wie gehen wir mit der Erfahrung des Bösen um? Was geben wir an die nächste Generation weiter?
Am Beispiel des Sudetendeutschen Tages in Brünn und der Entdeckung des renovierten Kneitschel-Kreuzes im Riesengebirge versucht dieser Beitrag zu zeigen, wie Versöhnung in der Praxis gelingen kann. Ein Blick auf den Wandel der Erinnerungskultur in einem gemeinsamen Europa, in dem Verständigung und der Respekt vor der Kultur des Nachbarn im Vordergrund stehen.
Gedanken zum ersten Sudetendeutschen Tag in Tschechien
Lasst Euch nicht vom Bösen besiegen, sondern besiegt das Böse durch das Gute!
Diesen Gedanken schrieb der Völkerapostel Paulus. Marketa Vankova, Oberbürgermeisterin von Brünn, griff an diesem Wochenende den Gedanken auf:
"Leider gibt es Momente in der Geschichte, in denen es keine eindeutigen Lösungen gibt. Doch das Böse lässt sich nicht mit Bösem bekämpfen, das wussten schon die alten Römer. In solchen Fällen kann nur Versöhnung den Weg in die Zukunft ebnen."
Zum ersten Mal fand in diesen Tagen der Sudetendeutsche Tag in Tschechien statt. Die Nachfahren der Vertriebenen wurden von Meeting Brno und von jungen Tschechen eingeladen. Im Herzen der mährischen Stadt saßen Menschen und feierten zusammen. Sie sprachen deutsch und tschechisch. Manchmal gelang es sogar, Kritiker des Treffens in einen Dialog einzubeziehen.
Das Böse ging 1938 von Deutschen aus. Viele Tschechen litten darunter. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Dann kam die Stunde der Benes-Dekrete. Es schien alternativlos, das die Deutschen gehen müssen. Auch zwei 13jährige mussten gehen.
1971 bin ich als drittes Kind dieser Teenager geboren, heute verwurzelt in Leipzig und geprägt vom Wunsch nach Versöhnung. Das Leben lehrte mich, dass das in der Praxis nicht immer klappt. Zu schmerzlich kann allein der Klang einer Sprache sein, die als Mittel des Bösen missbraucht wurde. Und doch:
Sprache gehört nicht den Bösen in der Welt. Das Böse hat kein Recht auf eine eigene Sprache.
Inzwischen wuchs auch in Tschechien eine neue Generation auf. Sie spielte in den Gebirgstälern und entdeckte die Reste einer untergegangenen Kultur: alte Grabsteine in einer fremden Sprache.
1945/1946 wurde versucht, das Böse durch das Böse zu bekämpfen.
2022 reiste ich ins Riesengebirge und machte eine überraschende Entdeckung: ein frisch renoviertes Wegkreuz mit meinem Familiennamen.
Ein Stück Geschichte.
Manche ältere Tschechen schüren noch immer die jahrzehntealten Ängste vor massenhaften Rückforderungen oder Eigentumsansprüchen. Doch ein nüchterner Blick auf die Realität zeigt: Diese Ängste gehen an der Lebenswirklichkeit der Menschen komplett vorbei.
Die junge Generation in Tschechien weiß das.
Zugleich sollte klar sein, dass die Vertreibung ganzer Familien keine angemessene Reaktion auf Verbrechen war. Das entspricht heute weder deutschen noch tschechischen juristischen Standarts. Konkrete Täter verdienen Strafe, nicht Menschen, die eine bestimmte Sprache sprechen.
Die Beneš-Dekrete stammen aus einer historisch extremen Ausnahmesituation direkt nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie spiegeln die damalige Rechts- und Geopolitik wider, die mit den heutigen rechtsstaatlichen Standards der Europäischen Union unvereinbar ist. Genau aus diesem Grund gelten die Dekrete in der Praxis als "konsumiert" – das heißt, die damals durchgeführten Vertreibungen und Enteignungen sind zwar historischer Fakt und unumkehrbar, neue Maßnahmen dieser Art dürfen darauf heute aber nicht mehr gestützt werden.
Während im Jahr 2002 noch eine deutliche Mehrheit von 64 Prozent der Tschechen die Vertreibung als „gerecht“ empfand, sank dieser Wert in Umfragen bis 2017 auf rund 37 Prozent. Immer mehr Menschen plädieren für einen ehrlichen Umgang mit der Geschichte.
Die Enkel- und Urenkelgeneration der damals Vertriebenen redet heute nicht mehr in den alten Mundarten des Riesengebirges oder des Altvaterlandes. Sie reden sächsisch, hessisch, bayerisch oder niedersächsisch. Sie sind in der Bundesrepublik sozialisiert, vollständig integriert und haben dort ihre Lebensmittelpunkte. Das einstige Haus der Urgroßeltern ist für sie kein potenzielles Spekulationsobjekt oder der Grund für juristische Feldzüge.
Das liegt auch an der Geschichtspolitik der Vertriebenen selbst. Sie wollten nicht, dass ihre Kinder Gefangene der Vergangenheit sind und unterstützten deren Integration in der neuen Heimat. Die Vertriebenen waren Opfer von Hass und Vergeltung geworden. Ja, es schien so logisch. Deutsche hatten Leid in die Welt gebracht, also sollten nun Deutsche leiden. Das christliche Konzept der Feindesliebe soll den Kreislauf der Gewalt durchbrechen, aber es überfordert Menschen, die Leid erfahren, bis heute.
Hass auf Menschen und Ablehnung von Sprachen scheint so naheliegend. Doch es stärkt jene Kräfte, die Europa teilen und neues Unrecht schaffen.
Wenn junge Deutsche heute nach Böhmen oder Mähren reisen, tun sie das als Europäer. Sie kommen mit alten Fotos, Tagebüchern oder Ahnenregistern, um die Wurzeln ihrer eigenen Identität zu verstehen. Sie suchen keine Besitztümer, sie suchen Verbindung.
Dass diese Verbindung gelingt, liegt vor allem am mutigen, offenen Blick der jungen tschechischen Generation. Während ältere politische Eliten oft im Gestern verharren, begegnen junge Tschechinnen und Tschechen der gemeinsamen Geschichte mit einer bewundernswerten Unbefangenheit und Neugier. Sie verweigern sich der alten Angst. Stattdessen begreifen sie das deutsche Erbe ihrer eigenen Wohnorte nicht als Bedrohung, sondern als bereichernden Teil ihrer regionalen Identität.
Initiativen wie das Brünner Festival Meeting Brno oder unzählige junge Denkmalschützer im Riesengebirge und Altvaterland zeigen, wie Aufarbeitung heute geht: Sie reichen den Nachfahren die Hand. Gemeinsam retten sie verfallene Kapellen, digitalisieren Kirchenbücher oder pflegen verwilderte Friedhöfe. Sie tun das nicht für die Vergangenheit, sondern für eine gemeinsame, offene Nachbarschaft.
Die tschechische Jugend forscht nach und versteht, dass hier eine 700jährige Geschichte in wenigen Jahren zerbrach. Grund dafür war seit dem 19. Jahrhundert ein Nationalbewusstsein, der Deutsche und Tschechen entfremdete und schreckliches Unrecht brachte.
Deutsche im Gebirge wendeten sich der nationalsozialistischen Diktatur zu, weil die gemeinsame Sprache wichtiger schien als der Nachbar im gemeinsamen Gebirge. Und auch der Blick vieler Tschechen verengte sich.
Was hätten die Menschen doch erreichen können, wenn sie gemeinsam ihr Gebirge als Heimat begriffen hätten!
Das Treffen in Brünn erzählt davon, was wachsen kann, wenn der Mensch wichtiger ist als die Sprache.
Europa überwindet seine blutige Vergangenheit nicht mit Nationalstolz, sondern mit Stolz auf die Vielfalt der Kulturen und im gemeinsamen Blick nach vorn. Ein gemeinsamer Weg ist heute wichtiger denn je, um Mächten entgegenzutreten, die verlorener Größe nachtrauern und deshalb das Völkerrecht mit Füßen treten, um alte Reiche und alte Einflusszonen mit Gewalt und Krieg neu aufzubauen.
Lasst Euch nicht vom Bösen besiegen, sondern besiegt das Böse durch das Gute!



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