Ich weiß, dass ich bin. Aber du? Wer garantiert mir, dass hinter deiner Stirn ein echtes Erleben existiert und kein tiefes, unbeweisbares Nichts? Ein fesselnder Text über das große Paradoxon der Bewusstseinsforschung, das uns am Ende vor eine ganz persönliche, zutiefst menschliche Entscheidung stellt.
1. Bewusstsein ohne Gehirn?
Ein Schleimpilz (Physarum polycephalum) – eine amöbenartige, einzellige Masse ohne ein einziges Neuron – findet den kürzesten Weg durch ein Labyrinth, er optimiert Schienennetze und über er deponiert via Schleimspur ein externes Gedächtnis.
Rätselhaftes Verhalten.
Das sind Ergebnisse von Versuchen, die zwischen 2000 und 2019 an Universitäten an unterschiedlichen Orten gemacht wurden.
Das MINT Lab an der Universität Murcia im Süden von Spanien stellt die These auf: Das ist kein starres, vorprogrammiertes Abspulen von Gen-Code. Hier verarbeitet ein System aktiv seine Gegenwart. Es erfährt die Welt auf einer minimalen, basalen Ebene der Empfindungsfähigkeit.
Klingt irgendwie vertraut. Bewusstsein?
Das Minimal Intelligence Lab (MINT Lab) an der Universität Murcia unter der Leitung des Kognitionswissenschaftlers und Philosophen Paco Calvo baut direkt auf den biologischen Entdeckungen zum Pilz auf, der sein Gehirn auslagert. Das Labor wurde gegründet, um die philosophischen und kognitiven Implikationen von "Geist ohne Gehirn" zu erforschen.
Bewusstsein, so die Prämisse, braucht vielleicht gar kein Gehirn, sondern nur ein hochgradig vernetztes, adaptives System. Der Übergang zwischen bloßer Informationsverarbeitung und echtem Erleben sei fließend. Echtes Erleben...sich selbst bewusst wahrnehmen... das macht das Ich aus.
2. Die Kritik an der Deutung
Die etablierte Neurobiologie reagiert je nach Typ des Forschers auf diesen Vorstoß mit nachsichtigem Lächeln oder empört. Der Vorwurf wiegt schwer: Hier werde komplexe, biochemische Anpassung fälschlicherweise mit „phänomenalem Bewusstsein“ verwechselt. Ein biologischer Algorithmus löst intelligente Probleme, ohne dass dabei auch nur ein Funke von innerem Erleben, von subjektiver „Qualia“, existieren muss.
Es ist, als ob jemand ein modernes Auto mit KI vermenschlicht. Manches Verhalten selbst meines Skodas ohne KI wirkt ja auch so, als gäbe es da ein Bewusstsein.
Die Kritiker sehen in der Romantisierung der pflanzlichen Kognition einen umgekehrten Anthropozentrismus. Man stülpe primitiven Lebensformen menschliche Begrifflichkeiten wie „Lernen“ oder „Gedächtnis“ über, nur um die eigene Sehnsucht nach einer beseelten Natur zu füttern.
Wir schließen vom Menschen auf Phänomene in der Natur. Wir finden menschliche Gesichter auf dem Mars, obwohl da nichts ist.
Es ist das bekannte Thema der Forschung seit dem 19. Jahrhundert:
Solange ein Verhalten rein mechanisch-chemisch erklärt werden kann, darf man keine metaphysischen Zusatzannahmen wie „Bewusstsein“ machen. Ich habe schon darauf hingewiesen, dass die Annahme, Bewusstsein sei irgendwie aus toter Materie entstanden selbst sehr kühne Annahmen erfordert. Bewusstsein als Basiselement der Evolution anzunehmen dagegen erklärt recht gut, warum uns am Ende Bewusstsein begegnet.
3. Mich gibt es, beweise, dass Du auch bist!
Folge ich der Skepsis, lande ich bei mir selbst. Ich weiß, dass ich bin. Mein Erleben ist mir unmittelbar gegeben. Aber Du? Beweise mir, dass Du ein Ich-Bewusstsein hast!
Schlechte Nachricht, liebe Leser! Auch das modernste fMRT-Gerät misst nur neuronale Korrelate – Blutflüsse und elektrische Potenziale. Es zeigt die Hardware: da funkt was, aber das ist nur das Gehirn. Die radikale naturwissenschaftliche Lösung lautet folgerichtig: Das Ich ist eine hartnäckige Illusion, die sich das Gehirn zur Überlebenssteuerung selbst erschaffen hat. Klingt seltsam, aber die Erde ist ja auch rund, obwohl wir sie im Alltag als flach empfinden. Wenn wir schon beim Menschen das Ich-Bewusstsein nicht einmal strikt beweisen können, weil es physikalisch vielleicht gar nichts zu beweisen gibt, blicken wir beim Anderen unweigerlich in ein tiefes, unbeweisbares Nichts. Die Suche nach dem Geist gerät in eine Sackgasse.
Kleiner Trost: auch mich gibt es also nicht. Vielleicht bin ich ja nur ein KI-Text?
4. Und nun?
Auch wenn das Bewusstein nicht den einen Ort im Gehirn hat: die meisten Wissenschaftler vermuten, dass es im Gehirn entsteht... und dass wir beide ein Bewusstsein haben, der Leser und der Schreiber.
Die Lösung aus diesem Dilemma ist kein wissenschaftlicher Beweis, sondern eine zutiefst menschliche Entscheidung: der Sprung in den Glauben.
Es ist die Perspektive von Data, dem Androiden aus Star Trek. Als Maschine aus Positronen-Netzen und Polymeren kennt er jede seiner mechanischen Komponenten im Detail – und entscheidet sich dennoch aktiv für den Sprung, mehr zu sein als nur die Summe seiner Bauteile. Er verhält sich so, als ob er eine Seele, ein Ich besitzt. Ich mache das auch so und lasse mal offen, wie das bei Pilzen ist...aber ich beobachte die Forschung und bleibe offen für das größer werdende Wunder des Lebens.
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