Gedanken zur Liebe [1]

Michaeliskirche
Michaeliskirche


Liebe ist keine Emotion.

Eine Emotion ist ein ungeplanter Impuls.

Verliebtheit ist eine Emotion.

Verliebtheit überkommt mich ungeplant.

In der Verliebtheit erkenne ich einen Schatz im Du.

Im Impuls der ersten Begeisterung würde ich am liebsten alles verkaufen und verlassen, um diesen Schatz zu besitzen.


Liebe nimmt die Emotion ernst. 

Liebe tritt einen Schritt zurück.

Liebe sieht auch die Mühen des Ackers in der Begegnung mit dem Du. 

Liebe sieht das bestehende Beziehungsgeflecht.

Liebe sieht und bewahrt die eigenen Versprechen. 

Liebe sucht nach dem eigenen, angemessenen Ort für neue Menschen in diesem Geflecht, um gemeinsam zu wachsen. 


Liebe ist die bewusste Hinwendung zum Du.

Diese Entscheidung fordert keine Tabula rasa.

Sie verlangt nicht die Zerstörung des Gewachsenen.

Sie liebt das Du mitsamt seiner Geschichte.

Sie achtet alte Bindungen und Zusagen.


Liebe kann dazu führen, zu gehen, wenn es beim Du keinen Platz für neue Begegnungen gibt.

Doch Liebe kann auch dazu führen, die bestehenden Beziehungen klarer zu sehen. 

Sie stärkt und unterstützt das Du in seinen bestehenden Beziehungen. 

Sie sieht Beziehungen, die das Du schwächen und verletzen. 

Liebe bleibt wachsam gegenüber den eigenen Impulsen. 

Will ich wirklich die Entfaltung des Du in Freiheit? 

Will ich in Wirklichkeit den anderen besitzen und dominieren? 

Liebe ist stets bereit, loszulassen. 

Manchmal beschränkt sich Liebe darauf,

den anderen auf eigene Beine zu stellen und unabhängig zu machen. 


Auf diesem Fundament verliert das Verlieben seine destruktive Kraft.

Es wird zum Phänomen, das sich der Messung und Planung entzieht.

Es wird immer wieder neu zum unerwarteten Wunder.


Wenn jeder Mensch aus der gleichen göttlichen Quelle kommt ist das Verlieben das Erwachen der Erkenntnis dieser gemeinsamen Quelle. 

Es ist keine Bedrohung der Struktur, sondern eine Erweiterung des Horizonts.

Wir blicken durch den Nebel, der uns trennt, auf den gemeinsamen Ursprung und gehen miteinander dem Ziel entgegen, dem der ganze Kosmos zusteuert.


Also sollten wir uns ständig Verlieben...


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