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Vom Schwimmen im Zwenkauer See

Auch der Körper misst regelmäßig das Bewusstsein. Ein Versuch, das unplanbare, zeitlose Getragensein im Wasser protokollarisch festzuhalten, ohne ins Mystische abzugleiten.

  • Kleine Messung am Ich im Zwenkauer See. Der Einstieg geschieht schrittweise, zögernd wegen der Kälte und doch ohne lange Pausen. Langsam trotze ich dem Befund des Körpers, der Kälte signalisiert und zurück an Land drängt. Mein Nein ist eine klare Botschaft, der Körper widersetzt sich nur kurz. Gewachsen ist das Vertrauen des Körpers, dass Ich uns nicht gefährde. Auch der Körper misst regelmäßig das Bewusstsein.
  •   Sobald der Boden unter den Füßen nachgibt, registriere ich eine fundamentale Verschiebung: Das Wasser übernimmt das Gewicht. Ich bin getragen. Die Nachricht der Kälte wird nicht mehr ans Bewusstsein gemeldet. 
  • Dann dehnt sich die Zeit. Sekunden werden zu Stunden. Der Zeitmesser schweigt. Das gleichmäßige Atmen im Wasser vergisst den Kontext. Ich nehme den Moment ungefiltert auf: den herben Duft des Sees, die dünne Luft über der Oberfläche und diesen riesigen, ruhigen Abendhimmel. Es ist die seltene Gleichzeitigkeit von maximaler Offenheit und absolutem Schutz.
  • Weit draußen sehe ich mich um. Die Küste scheint weit weg, doch das andere Ufer bleibt unerreichbar. Mein Körper fragt vorsichtig an, ob wir nicht besser wenden sollten. Na gut, sage ich. Erleichtert und dankbar leitet das Gehirn die Wende ein und überlässt das Ich dem Träumen. 
  • Wir nähern uns wieder dem Ufer. Das Ich war weit weg. Der Boden ist nur wenige Zentimeter unter mir. Sollen wir vielleicht stehen und normal rausgehen? Klar, sage ich. 
  • Die Messung bricht mit dem Verlassen des Wassers nicht ab. Noch in der Nacht, im Schlaf, schlägt das Pendel zurück: Der Traum dockt nahtlos an die Erfahrung an. Als gäbe es im Bewusstsein eine bleibende Spur, eine Geometrie aus Freiheit und Geborgenheit, in die ich im Dunkeln einfach wieder hineingleiten kann.
  • Das sollten wir wiederholen, sagt ein vertrautes Du in mir. Ja, antworte ich. 

Die reine Erfahrung vor dem Ich


​Die Messung: „Das Ich war weit weg. [...] Es ist die seltene Gleichzeitigkeit von maximaler Offenheit und absolutem Schutz.“


​Die Spur zur Geistesgeschichte:

Während das westliche Denken seit Descartes das „Ich“ ins Zentrum stellt („Ich denke, also bin ich“), geht die moderne japanische Philosophie einen radikal anderen Weg. Der hierzulande wenig bekannte Philosoph Nishida Kitarō (1870–1945), Begründer der berühmten Kyoto-Schule, prägte den Begriff der „reinen Erfahrung“ (junsui keiken).

​Nishida beschreibt damit einen Zustand, der genau vor der Spaltung von Subjekt und Objekt liegt. Bevor der Verstand analysiert: „Hier bin ich (das Ich) und dort ist das kalte Wasser (das Objekt)“, gibt es den reinen, ungeteilten Moment des Erlebens selbst. Das Schwimmen im See, bei dem das Atmen den Kontext vergisst, ist genau eine solche reine Erfahrung. Das Ich ist in diesem Moment nicht verloren, sondern es fällt die Trennlinie zur Welt weg. Und genau darin liegt der absolute Schutz: Wo kein isoliertes Ich mehr gegen die Welt verteidigt werden muss, existiert auch keine Verwundbarkeit mehr. Man ist vollkommen offen – und gerade deshalb unangreifbar.


Die Sprache des Körpers


​Die Messung: „Langsam trotze ich dem Befund des Körpers... Mein Nein ist eine klare Botschaft.“


​Die Spur zur Geistesgeschichte:

Der französische Philosoph Maurice Merleau-Ponty begründete eine Philosophie des Leibes. Er zeigte, dass wir unseren Körper nicht wie eine Maschine besitzen, sondern dass wir dieser Körper sind. Wenn das Ich mit dem Gehirn verhandelt, wer die Wende einleitet, ist das kein Kampf gegen einen Apparat, sondern ein innerer Dialog.


Das Zeit-Experiment


​Die Messung: „Noch in der Nacht, im Schlaf, schlägt das Pendel zurück: Der Traum dockt nahtlos an die Erfahrung an.“


​Die Spur zur Geistesgeschichte:

In der biblischen Tradition ist der Traum oft der Ort, an dem das Bewusstsein zur Ruhe kommt, damit das „vertraute Du“ sprechen kann. Im Buch Hiob (33,15) heißt es: „Im Traum, im Gesicht der Nacht, wenn tiefer Schlaf auf die Menschen fällt... da öffnet er das Ohr der Menschen.“ Wenn eine Messung am Tag so tief ist, dass sie im Traum nahtlos weiterläuft, hat sie die Oberfläche der bloßen Alltagseindrücke durchbrochen.

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