Die Freiheit sitzt am letzten Platz

Lk 14, 1-14

Gestern war ich in einer Buchhandlung. Plötzlich brauchte ich einen Sitzplatz. Das Herz begann zu rasen. Ich schwitzte. Es war ein leiser Zusammenbruch. Unbemerkt von den Kunden, deren Gedanken zwischen den Büchern auf Reisen ging.

Das ist kein Vorwurf. Nur eine Beobachtung.

Ich selbst war oft genug in der Buchhandlung. Auch ich hätte nicht erkannt, ob da jemand Hilfe braucht. 


Wer zu einem Fest geht, soll den letzten Platz wählen. Vielleicht kommt der Gastgeber und führt zu einem besseren Platz. Der letzte Platz macht normalerweise unsichtbar. Oft war ich in Kirchen in der letzten Bank. Von dort kann man unauffällig verschwinden. 

Es gibt natürlich auch Gemeinden, wo Menschen aufpassen, wer da auf den hinteren Plätzen sitzt. Vor allem in Freikirchen gelingt es kaum, unauffällig wieder zu verschwinden. 


Jesus erzählt die Geschichte vom Fest noch aus einer anderen Perspektive. Er empfiehlt dem Gastgeber, Menschen vom Rand der Gesellschaft ins Zentrum zu rücken. 

Das erinnert mich an das Magnificat:

Gott stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. 

Der Mächtige bleibt nicht mächtig.

Der Ohnmächtige bleibt nicht ohnmächtig. 


Die Perikope startet mit der Heilung eines Kranken am Feiertag. 

Jesus steht im Zentrum und er steht unter Beobachtung. Er nutzt die Aufmerksamkeit, um Menschen vom Rand ins Zentrum zu stellen. Auch am Feiertag. 


Irgendwann rief ich den Notarzt an. Der Krankenwagen kam. Plötzlich sahen die Besucher auf. Der Unsichtbare wurde sichtbar. 

Die Unsichtbaren werden im Neuen Testament aktiv. Sie wissen, dass Jesus sie vielleicht nicht sieht. Da wird ein Dach abgedeckt. Dort steigt jemand auf einen Baum. Und eine Person wird gesund, weil sie sein Gewand unauffällig berührt. 


Vielleicht bin ich beim nächsten Gang in die Stadt aufmerksamer. Vielleicht erkenne ich so, wo ich in Leipzig gebraucht werde. 

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Kommentare: 2
  • #1

    Charis Haska (Dienstag, 02 September 2025 17:31)

    Sehr bewegend!

  • #2

    Thomas Körner (Samstag, 01 November 2025 15:13)

    Lieber Ernst-Ulrich,
    immer sehr gut überlegte und formulierte Erfahrungen.
    Viele Grüße!