Bernhard Heisig: Christus verweigert den Gehorsam
Jesus reißt sich resolut die Dornenkrone vom Kopf. Er verweigert sich der Kreuzigung. Künstler ist Bernhard Heisig, der das Bild 1986 bis 1988 in der DDR malte. Mit Werner Tübke zählt er zu den wichtigsten Vertretern der Leipziger Schule.
Der Maler nutzt die Erinnerung an die Leidensgeschichte, um seine eigenen Erfahrungen an Krieg und Leid zu verarbeiten. Als Soldat im 2. Weltkrieg hatte Heisig Gehorsam in seiner fatalen Bedeutung erlebt. Er war Mitglied der SS-Division Hitlerjugend. Später lässt er die eintätowierte Blutgruppe operativ beseitigen.
Der Krieg traumatisierte ihn und prägte seine künstlerische Arbeit in der DDR.
Wie Hohn muss ihm die christliche Vorstellung vom Weg Jesu klingen:
Er war gehorsam bis zum Tod! [Phil 2,8]
Das klingt passiv.
Machthaber fordern Gehorsam. Während sie selbst unangreifbar und ungefährdet im Palast sitzen, schicken sie andere in den Tod: für ein scheinbar höheres Ziel.
War Jesus tatsächlich gehorsam?
Tatsächlich fällt Jesus eher durch Ungehorsam auf. Er heilt am Sabbat. Er ignoriert seine Eltern. Er wendet sich Menschen zu, die als Sünder und Ausgestossene gelten. Er entzieht sich der Menge, die ihn zum König machen will.
Sein Gehorsam gilt allein Gott.
Gefragt nach dem wichtigsten Gebot antwortet er mit dem Doppelgebot der Liebe:
Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken.
Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. [Mt 22,37-40]
Gott gehorsam sein bedeutet, mit hörendem Herzen im Sturm der Stimmen, die von uns so vieles erwarten und mit Autorität beanspruchen diese leise Stimme zu hören, die uns erkennen lässt, wo unsere Anwesenheit erforderlich ist.
Der Wille des göttlichen Du steht bedingungslos über jedem menschlichen Anspruch. Andere können mir helfen, aber es ist eine klare Grenzverletzung, Gehorsam zu fordern, wo das eigene Gewissen rebelliert.
Aus der Erfahrung des Nationalsozialismus hat das Grundgesetz dem individuellen Gewissen einen starken Stand gegeben. [Artikel 4 GG]
Eigene moralische Entscheidungen zu treffen und danach zu handeln rsp. bestimmte Handlungen aus Gewissensgründen zu verweigern ist ausdrücklich geschützt.
Tatsächlich aber stehen auch in unserer Staatsform weiterhin Individuum und Gemeinschaft in einem wohl unauflösbaren Spannungsverhältnis.
Staat und Gesellschaft, aber auch die Kirche können ihren Auftrag nur erfüllen, wenn sich der Einzelne nicht ständig verweigert.
Doch wie oft beanspruchten Menschen im Namen einer höheren Idee zu reden und zu handeln?
Ein Transparent durchzieht das Bild:
"Es ist alles so weise eingerichtet."
Das Zitat findet sich so nicht in der Bibel, spiegelt aber das religiöse Gefühl, dass Gott mit dieser Welt einen Plan hat.
Ist auch die Organisation des Staates Teil des göttlichen Planes?
Jesus antwortet kryptisch:
Man soll dem Kaiser geben, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist.
Jesus ruft zu keiner Revolution auf und doch entzieht er sich jeder Versuchung, im Spiel der menschlichen Macht mitzuspielen.
Er ist König, aber sein Reich ist nicht von dieser Welt.
Im Bild ist eine anonyme Masse zu sehen, die Ja schreit. Jesus lässt am Palmsonntag den Jubel zu, stützt aber darauf nicht seinen nächsten Schritt.
Nachfolge Jesu lebt vom eigenen Kopf und der Bereitschaft, dem eigenen Kompass auch dann zu folgen, wenn dies zu Nachteilen, Ablehnung und den eigenen Tod führt.
Selbstverständlich darf man einem Prinzip ein Leben opfern – doch nur das Eigene.
Dieses Zitat findet sich nahe der gesprengten Universitätskirche in Leipzig am Denkmal Unzeitgemäße Zeitgenossen.
Während das Christentum in den ersten Jahrhunderten seiner Geschichte eher systemsprengend war, wurde ab Konstantin Kirche System erhaltend. Bis heute versuchen Mächtige ihre Agenda mit Religion zu überhöhen.
Die Kirche selbst tut sich bis heute schwer, sich aus den Fängen weltlicher Macht zu befreien.
In Leipzig gehen die Christen durch die Schule der Ohnmacht. Um Salz der Erde zu sein braucht es keine Macht und Mehrheit, es braucht nur eine klare Orientierung. Diese Orientierung finden Christen im geduldigen Hören auf die biblischen Quellen und die Erfahrungen des Du mit dem göttlichen Du.
Das letzte Wort hat Dietrich Bonhoeffer, der einen klaren Kompass vorgibt:
Jesus steht vor Gott als der Gehorsame und als der Freie. Als der Gehorsame tut er den Willen des Vaters in blinder Befolgung des ihm befohlenen Gesetzes. Als der Freie bejaht er den Willen aus eigenster Erkenntnis, mit offenen Augen und freudigem Herzen, schafft er ihn gleichsam aus sich selbst heraus aufs neue. Gehorsam ohne Freiheit ist Sklaverei, Freiheit ohne Gehorsam ist Willkür. Der Gehorsam bindet die Freiheit, die Freiheit adelt den Gehorsam. Der Gehorsam bindet das Geschöpf an den Schöpfer, die Freiheit stellt das Geschöpf in seiner Ebenbildlichkeit dem Schöpfer gegenüber. Der Gehorsam zeigt dem Menschen, daß er sich sagen lassen muß, was gut ist und was Gott von ihm fordert (Micha 6, 8), die Freiheit läßt den Menschen das Gute selbst schaffen. Gehorsam weiß, was gut ist, und tut es. Die Freiheit wagt zu handeln und stellt das Urteil über Gut und Böse Gott anheim. Gehorsam folgt blind, Freiheit hat offene Augen. Gehorsam handelt ohne zu fragen, Freiheit fragt nach dem Sinn. Gehorsam hat gebundene Hände, Freiheit ist schöpferisch.
Ethik, DBW Band 6, Seite 288
Gedanken zum 10. Mai


Kommentar schreiben