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Ende Der Deutungshoheit

Reformationstag 2025

Ich lebe im Herzen der Reformation. Im Alltag fällt das nicht weiter auf. Zwar ist heute in Sachsen ein Feiertag. Doch viele feiern statt Reformation eher Halloween. 

Natürlich ist auch das Folge der Reformation. Nicht mehr die Kirche hat die Deutungshoheit, sondern das Individuum. Gleichzeitig gibt es eine verbreitete Sehnsucht nach einfachen Antworten. Das nutzen Demagogen.

Demokratie lebt vom Wettstreit unterschiedlicher Überzeugungen und der Bereitschaft, sich in Frage stellen zu lassen. Gleichzeitig wird die wehrhafte Demokratie dort klare Grenzen setzen, wo Intoleranz die Instrumente der Demokratie nutzt, um die Demokratie abzuschaffen. Im Rechtsstaat ist es Aufgabe von unabhängigen Gerichten, zu prüfen, ob eine Institution oder Partei weiter im Wettstreit teilnehmen kann. 

Ideen können nicht verboten werden. Der Verbot von Institutionen oder Parteien kann daher nur Demokratie stärken, wenn es gelingt, die tatsächlichen Gründe einer gesellschaftlichen Unzufriedenheit anzugehen und zu lösen. 

Die 95 Thesen, die Luther einst diskutieren wollte, schlugen in eine religiöse Umwelt ein, die nicht an Gottes Existenz zweifelte. Es ging letztlich um das Verhältnis von Glaube und Institution. 

Es ging um die Rolle der Kirche, die Autorität der Bibel und die Bedeutung des Glaubens. 

Viel zu spät war die katholische Kirche auf gesellschaftliche Veränderungen eingegangen. 

Heute gibt es unzählige Überzeugungen und Meinungen. Gottes Existenz ist nur noch Option. Gott ist ein Wort, das mit unterschiedlichen Inhalten gefüllt wird. Nietzsche, dessen Körper nahe Leipzig begraben ist, hat dazu seinen Beitrag geleistet. Doch auch er ist nur Stimme seiner Zeit. Tatsächlich hat er in seiner Kritik am Glauben geholfen, den Wesenskern neu zu dechiffrieren. 


Korruption, Ablasshandel und Machtsucht waren lange vor Luther Zeichen einer Kirche, die fest in politischen Strukturen verankert war. Die Ermordung von Jan Hus verschob und verschlimmerte die Entfremdung zwischen Institution und Individuum. Schlimmer noch: die Verbindung von Kirche und Macht, besonders deutlich in Fürstbischöfen, verdunkelte das Wesen eines christlichen Gottesbildes, dessen Kern ja gerade der göttliche Verzicht auf weltliche Macht ist.  

Die Reformation hingegen führte zunächst zu einer anderen Form von Abhängigkeit der katholischen und der neuen evangelischen Landeskirchen von politischen Mächten. Die Trennung von Kirche und Staat erweist sich in dieser Situation als Rettungsanker für die Glaubwürdigkeit der Kirche. 

Wir sehen gerade in Russland, wie fatal es ist, wenn eine Kirche zum "Ministranten eines Machthabers" [Papst Franziskus] wird, der Krieg und Gewalt im Namen Gottes zu rechtfertigen versucht. 

Machthaber versuchten und versuchen immer, Kirche und Gott für eigene Ziele zu nutzen. Und auch religiöse Führer und Multiplikatoren erliegen oft der Versuchung, eigene Überzeugungen mit Gott oder mit Mächtigen zu verknüpfen, wo das Argument allein nicht trägt. 

Kirche ist dort machtvoll, wo sie die Stimme des Ohnmächtigen und Fremden verstärkt. 

Gerade in ihrer Minderheitensituation erfüllen die Kirchen in Sachsen heute ihre Funktion als glaubwürdige Mitspielerin im Orchester der unterschiedlichen Perspektiven auf die Welt. Gleichzeitig kann der friedliche Dialog und die Suche nach Gemeinsamkeiten zwischen Konfessionen und Religionen ein Vorbild für das demokratische Miteinander in der Gesellschaft sein. 

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