Den Haupteingang erzwingen oder ins Café gehen?
Ein wirrer Traum mit einem Spielzeugbus direkt vor dem Portal einer Kathedrale. Der einzige Weg in die Kirche führt durch diesen Bus. Unmöglich? Alle anderen flutschen da problemlos durch. Und ich? Durchquetschen? Oder besuche ich lieber eine einsame Dorfkirche mit kleinem Café daneben?
Das Nadelöhr der Erwartungen
Da stehe ich nun, vor dem Haupteingang einer riesigen Kathedrale. Drinnen wartet eine große Liturgie, draußen staut sich das Leben. Doch der Weg führt nicht durch ein prachtvolles Portal, sondern durch ein absurdes Nadelöhr: einen winzigen Spielzeugbus. Als wäre das nicht eng genug, blockieren auch noch ein Auto und ein Motorrad den Weg. Es dauert lange bei mir. Und während ich mich mühsam hindurchquäle, schallt es von den anderen, die auch rein wollen: „Erst der eine Arm, dann der Kopf durch die Tür! Das geht doch ganz einfach!“ Alle wundern sich, warum ich nicht einfach den Ratschlägen folge und endlich reingehen. Die anderen wollen auch rein. Ich fühle mich wie ein alter Mensch, der an der Kasse mühsam Kleingeld sucht.
Im Mai stand das Spielzeug noch am Ende meines Traums – als das schwere Autowrack am Steilhang im Zeitraffer schrumpfte, um volumenbündig in einen Flechtkorb zu passen. Schadensbegrenzung durch sofortige Dissoziation. Diesmal steht das Spielzeug am Anfang im Weg. Die Taktik des Verkleinerns funktioniert nicht mehr. Das Problem ist nicht das Auto, sondern die Enge des Systems, das uns zwingt, uns passend zu machen. Von hinten rufen die Stimmen der Ratgebenden, die mit kühler Logik erklären, wie leicht das alles sei, wenn man sich nur genau an die Vorgaben hält. Ich weiß, dass auch diese Menschen überzeugt sind, das Richtige zu tun. Sie meinen es gut. Aber es ist einfach nicht mein Lösungsweg. Ich nicke meist freundlich, aber ich merke, wie die Erschöpfung drückt.
Das Faszinierende ist: Während des Traums war ich gar nicht fähig, daran zu denken, warum ich überhaupt da durch muss. Es schien in diesem Moment die einzige Realität zu sein.
Anfrage an das Funktionieren
Das geht uns oft im Leben so. Wir hinterfragen das Nadelöhr nicht, während wir mitten drinstecken. Wir können das Spiel nicht immer abbrechen. Wir sind eingebunden in Verpflichtungen, wir tragen Verantwortung, wir müssen Dinge regeln und Werte sichern. Es ist ein täglicher, oft unsichtbarer Spagat: Man versucht loszulassen, ohne die Verantwortung einfach wegzuwerfen.
Ich weiß, wie viel Kraft es kostet, in diesen starren Systemen zu funktionieren, um das zu schützen, was einem teuer ist. Wir quetschen uns durch diese engen Spielzeugbusse, um andere abzusichern, um Pflichten zu erfüllen und um den Erwartungen der Welt irgendwie gerecht zu werden. Diese Anstrengung ist echt, sie ist schwer, und sie verdient tiefen Respekt. Man tut es nicht aus Leichtigkeit, sondern aus Pflichtgefühl.
Und vielleicht sind auch die anderen – die Ratgebenden hinter mir – in genau so einem „Traum“ gefangen, in dem sie im Grunde gar nicht anders können, als ihre eigenen Muster abzuspielen. Schließlich leben wir alle dieses Leben zum ersten Mal – zumindest erinnere ich mich nicht an ein anderes. Wir haben keine Generalprobe. Wir suchen alle nach dem besten Weg, um diese Instanz des Daseins irgendwie zu meistern, jeder in seinem eigenen Korsett.
Nebeneingänge, Dorfkirche oder Café...ich muss da nicht unbedingt durch
Seit vielen Jahren lebe ich in einer Art geschenkten Zeit, einer Verlängerung, die mich eines gelehrt hat: Ich muss mich nicht mehr von jedem äußeren Druck stressen lassen. Mein Lehrer sagte damals in der Schule zu mir: „Sie sitzen hier wie ein unabhängiger Beobachter.“ Er hatte recht – auch wenn es Jahrzehnte dauerte, bis aus dem unbewussten Schutzpanzer des Schülers die bewusste Überlebensstrategie des Erwachsenen wurde. Heute betrachte ich das Theater des Lebens oft aus einer inneren Loge – nicht aus Desinteresse, sondern als Überlebensstrategie.
Erst das Erwachen schenkt dem unabhängigen Beobachter den nötigen Abstand, um den Traum zu hinterfragen. Warum eigentlich der verzweifelte Kampf durch den blockierten Haupteingang, nur weil alle sagen, dass man dort hindurchmuss? Wenn ein Ort jede Freude durch genaue Vorgaben erstickt, zieht der Beobachter weiter. Das Leben ist zu kurz für kleinkarierten Druck.
Und für die große Kathedrale im Traum gilt: Sie ist riesig, da gibt es vielleicht andere Eingänge, die weniger belagert sind. Und wenn nicht? Kleine Dorfkirchen sind auch sehr hübsch und weniger überlaufen. Sie haben keine ungeduldigen Rufer im Gang, keinen Spielzeugbus an der Tür und keinen Erwartungsdruck. Manchmal dürfen wir den offiziellen, starren Haupteingang im Leben meiden. Nicht, um vor der Verantwortung wegzulaufen – sondern um die Energie zu bewahren für das, was wirklich zählt.
Deshalb kann sich mancher, der meinen Weg nicht kennt, nicht vorstellen, warum ich heute mit dieser kompromisslosen Entschiedenheit meine Grenzen ziehe. Es ist kein Rückzug aus Mangel an Nähe, kein Erkalten der Gefühle für die Menschen, die mir am Herzen liegen. Im Gegenteil: Es ist der Wunsch nach einer tiefen emotionalen Verbundenheit, die ganz ohne gegenseitige Abhängigkeiten auskommt. Ich möchte jenen, die ich begleite, ein Fundament bauen, auf dem sie langfristig auch ohne mich glücklich und stark sind. Die Enge des Spielzeugbusses spüren viele. Doch es geht um das Erkennen im Traum wie im Leben: Wenn wir aufwachen, kehren wir nicht zurück, um Vergangenes nachträglich zu verändern. Aber wir gewinnen die Freiheit zu wählen. Wenn ich mich heute noch engen Regeln und starren Systemen aussetze, dann nicht mehr als Gefangener der Erwartungen, sondern als bewusste Entscheidung, um anderen zu helfen, ihr Ziel zu erreichen. Und die schlichte, weite Stille der Dorfkirche oder das Café bleibt mein ganz persönlicher Rückzugsort – nicht als Flucht vor Verantwortung, sondern als der Raum, den meine eigene Liebe braucht, um durchzuatmen und Kraft zu schöpfen.


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