Schadensbegrenzung durch sofortige Dissoziation
Ein steiler Hang, eine ungewöhnliche Fahrprüferin und ein ungebremster Aufprall auf die Naturgesetze. In diesem surrealen Traumfragment wird der physikalische Totalschaden zur metaphysischen Chance: Wie man das Wrack des Lebens in einen Flechtkorb packt, das Ich-Bewusstsein aktiviert und am Ende erleichtert zum Buffet des Lebens geht.
Natürlich hatte ich die Gebrauchsanleitung für Grenzgänger nicht gelesen. Ich hatte den Schlüssel genommen und war eingestiegen. Der Start erfolgte durch Drücken eines Knopfs am Rückspiegel. Soweit also alles normal in diesem Universum. Nun begann das Steilstück. Die zuständige Beamtin schaut mich von der Rückbank des Škodas fassungslos an. Sie sitzt genau dort, wo üblicherweise der Prüfer bei der Fahrprüfung sitzt – nur dass der Beifahrersitz neben mir leer bleibt. Eine höchst ungewöhnliche Fahrprüfung.
"Ein Škoda in diesem extremen Winkel?", ruft sie nach vorn. "Um Himmels willen, Sie wissen doch, dass der Hangabtrieb hier stärker als der Glaube ist"
Es geht alles viel zu langsam. Der Motor jault auf. Ich hätte wohl nochmal am Rastplatz bei München tanken müssen. Nun hänge ich bei Innsbruck. Und irgendwie bilde ich mir ein, dass ich es mir selbst zu schwer gemacht habe.
"Die Wahl ist getroffen, jetzt müssen Sie weitergehen.", flüstert die Frau von hinten und blickt voller Sorge über den Rand ihrer Brille. Die Naturgesetze gelten. Kein Gott kann jetzt hier eingreifen. Der Fuß drückt das Bremspedal nieder, bis der Muskel zittert. Eine rot-weiß gestreifte Schranke blockiert die Sicht nach vorn. "Wenn Sie hier den Halt verlieren, rettet Sie Ihr ganzer Verstand nicht mehr. Bitte, sagen Sie das den Lesern! Die Menschen glauben immer, sie könnten mitten im Spiel das Schicksal selbst steuern."
"Das ist doch kein Spiel.",schreie ich genervt. Es leiden Menschen. In dieser Realität!
"Ja...in dieser Realität..." ,sagt die Frau.
"Die Gesetze der Physik. Die Entscheidungen von Menschen. In dieser Realität." Sie rollt genervt die Augen. Sie lebt in der Welt, ist aber nicht von der Welt. Da kann man gelassen bleiben. Wie Jesus am See, während die Jünger in Panik gerieten.
Ein plötzlicher Ruck. Ein Wechsel der Spur.
Ich sitze im Cockpit eines herannahenden Mercedes. Die Geschwindigkeit ist berauschend hoch. Ein Blick in den Rückspiegel zeigt ein verstörendes Bild: Ich sehe den blockierten Škoda am steilen Hang zurückbleiben, aber im Spiegel sehe ich darin auch mich selbst, völlig verkrampft am Steuer. In Panik. Und hinter meinem Spiegel-Ich sitzt die Fahrprüferin. Seltsam... da scheinen drei Personen im System zu sitzen. Und doch nur ein Bewusstsein.
Ich blick mich im Mercedes um. Nur ich bin da. War da nicht gerade noch...?
Aus dem Radio schallt plötzlich die klare Aufforderung:
"Konzentration! Ich-Bewusstsein aktivieren!"
Ein Schlag. Plötzlich wieder im Škoda. Allein. Keine Prüferin mehr auf der Rückbank.
Eigentlich ist diese Welt logisch. Um die Steigung zu verringern, wähle ich beim Anfahren die Fahrtrichtung schräg zum Hang. Ein kluger Plan.
Naja, auch der klügste Plan scheitert, wenn der Reibungswert auf Null sinkt. Die Reifen verlieren sofort jegliche Haftung. Das Fahrzeug bricht seitlich aus. Das Lenkrad dreht sich völlig ohne Widerstand, leer und wirkungslos in meinen Händen. Wir rutschen den Abhang hinunter, unaufhaltsam auf eine Gruppe Bäume zu. Ein harter, metallischer Aufprall. Kinetische Energie, die sich entlädt.
Aber der Geist bricht nicht so leicht wie die Karosserie.
Im Moment des Zusammenstoßes stehe ich plötzlich draußen auf dem Waldboden. Kein Schmerz, Verletzung als Identifikation meiner Geschichte noch da. Mein neuer Körper betrachtet die Unfallstelle aus sicherer Distanz. Das nenne ich eine gelungene Separation. Was für ein Saftladen, diese Physik.
"Würden Sie dieses Universum nochmal besuchen?", fragt eine Stimme.
"Ja...vielleicht ein anderer Planet mit geringerer Schwerkraft? Aber erst Pause im Paradies bitte."
Ich besuche die Unfallstelle genauer.
Das Wrack verändert unter meinem Blick seine Dimensionen. Masse und Volumen schrumpfen im Zeitraffer. Auf einmal hat der Wagen nur noch die Größe eines Spielzeugs. Ich bücke mich und lese die verstreuten Trümmerteile einzeln mit den Händen auf. Die Kotflügel, die Splitter, der ganze deformierte Aufbau. Neben mir steht ein Flechtkorb bereit. Alles passt volumenbündig hinein.
Ich hebe den Korb an.
Ich will den Hang hinaufgehen.
Doch das ist mühsam.
Der Hang bleibt steil.
Da taucht die Beamtin wieder auf. Sie tippt konzentriert auf der Tastatur eines Laptops und blickt ins Rosenthal und auf Leipzig. "Schöne Stadt.", meint sie. "Da gibt es doch keine Berge..."
Sie protokolliert ungerührt das Ergebnis dieser bizarren Prüfung. Das leise Klackern bricht die Stille des Hangs. Sie schaut kurz auf, blickt prüfend auf den Flechtkorb und lächelt milde.
"Gut gemacht. Da ist ja der Glaube wenigstens so groß wie ein Senfkorn", murmelt sie, während sie den Vorfall akribisch in einer Tabelle erfasst. "Was wollten Sie bloß an dem Hang...aber wenigstens haben Sie den Absprung geschafft. Ich logge das jetzt so ein: Schadensbegrenzung durch sofortige Dissoziation. Die Prüfung ist hiermit beendet. Gehen Sie ruhig weiter. Die Daten sind gesichert."
Wir treffen uns dann beim Festmahl, wenn alles aufgeräumt ist, scheint der Wald zu flüstern. Der Duft von Bärlauch liegt in der Luft.
Klar, ein Totalschaden im Bewusstsein lässt sich nicht einfach wegdiskutieren. Aber immerhin hatte die Dissoziation geklappt. Erleichtert gehe ich zum Buffet auf der Wiese, um mit den anderen Seelen zu feiern. Erwartungsfroh drehe ich am Ring.
Quellen- und Motivverzeichnis
1. Biblische Perikopen, Exegese & Psychotheologie
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Die Fahrprüfung und das Letzte Gericht (Die Rechenschaft):
- „...während sie den Vorfall akribisch in einer Tabelle erfasst. [...] Die Daten sind gesichert.“
- Biblischer Bezug: Dies verweist auf das „Buch des Lebens“ (Offenbarung 20,12: „Und die Toten wurden gerichtet nach dem, was in den Büchern geschrieben stand, nach ihren Werken“). Im Traum erfährt die theologische Idee des jüngsten Berichts eine Modernisierung: Das himmlische Register wird zum Excel-Sheet auf dem Laptop der Beamtin.
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Der unlösbare Konflikt mit der Realität (Die unerbittliche Schöpfung):
- „’Das ist doch kein Spiel‘, schreie ich genervt. Es leiden Menschen. In dieser Realität!“
- Biblischer Bezug: Der emotionale Vorwurf des Erzählers erinnert an das Buch Hiob, insbesondere an Hiobs Verzweiflung über das ungerechte Leiden in der realen Welt (Hiob 9,22: „Es ist alles eins; darum sage ich: Er bringt beide um, den Frommen und den Gottlosen“). Gott antwortet Hiob später mit den unumstößlichen Ordnungen der Natur – genau wie im Traum die Beamtin den Erzähler nüchtern auf die unerbittlichen Gesetze der Physik verweist.
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Das Verlassen des Körpers als österliches Prinzip (Korn und Korb):
- „Auf einmal hat der Wagen nur noch die Größe eines Spielzeugs. [...] Alles passt volumenbündig hinein.“
- Biblischer Bezug: Das Schrumpfen des großen, schweren Elends zu einer transportablen Einheit, gefolgt vom Gang zum Auferstehungs-Buffet, spiegelt das neutestamentliche Prinzip der Metamorphose wider (1. Korinther 15,44: „Es wird gesät ein natürlicher Leib und wird auferstehen ein geistlicher Leib“). Der physische Totalschaden ist die zwingende Bedingung für das geistige Weitergehen.
2. Vertiefte Bezüge aus der Geistes- und Kulturwissenschaft
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Das Phänomen des Doppelgängers im Spiegel (Autoskopie):
- „...aber im Spiegel sehe ich darin auch mich selbst, völlig verkrampft am Steuer. [...] ...da scheinen drei Personen im System zu sitzen.“
- Geisteswissenschaftlicher Bezug: Das Motiv des traumatischen Doppelgängers ist ein Kernrepertoire der Romantik und Psychoanalyse (insb. E.T.A. Hoffmann, Die Elixiere des Teufels, 1815, sowie Sigmund Freud, Das Unheimliche, 1919). Das Aufspalten des Ichs in ein handelndes Ich (im Mercedes), ein leidendes Ich (im Škoda) und ein beobachtendes Ich (das Bewusstsein) beschreibt exakt die psychologische Spaltung im Angesicht existenzieller Krisen.
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Die absolute Reibungslosigkeit als existenzielle Krise:
- „...wenn der Reibungswert auf Null sinkt. [...] Das Lenkrad dreht sich völlig ohne Widerstand, leer und wirkungslos in meinen Händen.“
- Philosophischer Bezug: Der totale Verlust von Haftung und Widerstand ist die perfekte Parallele zur Phänomenologie der Entfremdung bei Hartmut Rosa (Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung, 2016). Wenn die Welt keinen „Widerstand“ (Reibung) mehr bietet, wird das Subjekt beziehungslos und gleitet in die Ohnmacht ab. Das drehende Lenkrad ohne Wirkung symbolisiert das Entkoppeln des Menschen von seiner Wirksamkeit.
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Das Aufforderung aus dem Radio:
- „Konzentration! Ich-Bewusstsein aktivieren!“
- Geisteswissenschaftlicher Bezug: Dieser imperative Ruf entspricht der Existenzphilosophie von Søren Kierkegaard (Die Krankheit zum Tode, 1849). Für Kierkegaard ist das Selbst nichts Statisches, sondern eine Aufgabe: „Das Selbst ist ein Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält.“ Die blecherne Radiostimme fungiert als das erwachende Gewissen, das das Ich zwingt, sich mitten im Chaos seiner Existenz bewusst zu werden.
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Die Ironie gegenüber der harten Materie:
- „Was für ein Saftladen, diese Physik.“
- Kulturwissenschaftlicher Bezug: Dieser humorvoll-trotzige Ausruf repräsentiert die Haltung des literarischen Existenzialismus (z. B. Albert Camus, Der Mythos des Sisyphos, 1942). Angesichts des Absurden und der Übermacht des Schicksals (hier der Schwerkraft und des Unfalls) bleibt dem menschlichen Geist als letzte Bastion der Freiheit die Ironie und die bewusste Auflehnung. Der Geist „bricht nicht so leicht wie die Karosserie“.



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