Eine Fahrt auf der A9 von Leipzig nach Regensburg auf Expedition an die Grenzen von Raum und Zeit. Zwischen Teleskopdaten und Schöpfungsberichten suchend nach dem, was Halt gibt. Ein Text über die Dehnbarkeit des Universums und die Bodenhaftung des beseelten Staubkorns Mensch.
Von der Parthe an die Donau:
Eine Autobahnfahrt zum Anfang der Zeit
„Das Ganze ist grenzenlos.“(Anaximander)
Leipzig an der A9. Auf dem Schild steht München und Erfurt. Die Richtung ist klar, aber das Ziel noch fern. Erst am Hermsdorfer Kreuz steht neben München nun Nürnberg – und erst am Dreieck Hochfranken taucht auf den Wegweisern zum ersten Mal Regensburg via A93 auf. Die Entfernungen sind fix, die Landkarten gedruckt. Doch ein Blick zurück über 13,8 Milliarden Jahre führt zum Urknall und damit an die Grenzen dieser Ordnung.
Der Urknall war keine Explosion in einem leeren Raum, sondern die Entstehung des Raums selbst. Die A9 gleicht hier einer unendlichen Autobahn, die zum Zeitpunkt des Urknalls bereits existierte, aber unendlich dicht war. Leipzig und Regensburg waren nicht voneinander getrennt; es gab kein „Dazwischen“, keine Kilometerangaben, keine Fahrtzeit. Mit dem Urknall begann sich dieses Asphaltband wie ein Gummiband zu dehnen. Die Orte entfernten sich voneinander, weil dazwischen neuer Raum entstand.
Ein Teleskop führt zu neuen Fragen
„Die Natur liebt es, sich zu verbergen.“(Heraklit)
Das James-Webb-Teleskop (JWST) liefert derzeit Bilder, die diesen Zeitplan herausfordern. Der Blick zurück in die Ära kurz nach dem ersten Spatenstich offenbart nicht den erwarteten kosmischen Schotter oder lose Gaswolken. Galaxien wie JADES-GS-z14-0 leuchteten bereits 290 Millionen Jahre nach dem Urknall hell und wirken erstaunlich weit entwickelt. Es ist, als stünde man kurz nach dem Baubeginn am Kreuz Hochfranken vor einem bereits bewohnbaren Regensburg. Das Modell der schnellen Stadtplanung im frühen Universum muss renoviert werden.
Es ist, als fände man in einer Ausgrabungsschicht, in der man nur einfache Steinkeile erwartete, plötzlich fein geschliffene Präzisionsuhren. Die schiere Leuchtkraft und Masse dieser frühen Galaxien bringt unser Standardmodell der Kosmologie in Erklärungsnot – es stellt die Frage, ob wir die Geschwindigkeit, mit der Materie sich zu Ordnung zusammenfügt, grundlegend unterschätzt haben.
Das Modell wankt, es bleibt aber die beste Theorie, um zu erklären, was wir im Kosmos sehen.
Keine Galaxie ist nachweislich älter als 14 oder gar 20 Milliarden Jahre. Solange das so bleibt, ist der Urknall nicht widerlegt. Er bleibt die massive Stadtmauer der Erkenntnis: Die Geschwindigkeit des Aufbaus dahinter wird debattiert, aber außerhalb dieser Mauer existiert nach aktuellem Wissensstand nichts. Der Urknall erklärt weiterhin am besten, was die Teleskope zeigen.
Wo das Wissen um das Wie endet, setzt die Frage nach dem Wozu ein.
In der Genesis sind zwei unterschiedliche Traditionen miteinander verwoben.
Priesterschrift
„Am Anfang war der Logos.“(Johannesevangelium / Griechische Philosophie)
Der monumentale, priesterschriftliche Hymnus vom Sechstagewerk (Genesis 1) entstand im babylonischen Exil als Antwort auf fremde Göttermythen. Adam und Eva entstehen hier am Schluss. In einer Zeit der Verzweiflung wollten die Priester dem Volk Israel versichern, dass ihr Gott der Schöpfer des gesamten Universums ist, nicht die babylonischen Götter. Die Ordnung (sechs Tage Werk, siebter Tag Ruhe) ist ein Protest gegen das Chaos.
Zeit der Könige
„Der Mensch ist nur ein Schilfrohr, aber ein denkendes.“ (Pascal)
Direkt daneben steht die ältere, bildhafte Erzählung von Adam und Eva (Genesis 2) aus der Königszeit: Zuerst formt Gott Adam aus dem Ackerboden. Erst danach pflanzt er einen Garten, lässt Bäume wachsen und formt die Tiere, um einen Gefährten für den Menschen zu finden. Ganz am Ende entsteht Eva aus der Seite Adams. Es ist eine Mahnung zur Bodenständigkeit. Das lateinische Wort für Demut, humilitas, kommt von humus (Erdboden). Der Mensch soll seinen Platz in der Schöpfung kennen – er ist wertvoll, aber eben auch vergänglich („Staub bist du...“).
Die Verschränkung widersprüchlicher Berichte verdeutlicht: um Naturwissenschaft ging es den Autoren nicht. Die Welt wird hier als Beziehungsraum Gottes gedeutet. Kein Protokoll einer Weltentstehung. Wer in der Bibel nach Astrophysik sucht, ignoriert die literarische und spirituelle Tiefe.
Die Texte liefern keine Fakten über das „Wie“, sondern eine Wahrheit über das „Dass“ der Schöpfung.
„Das Staunen ist der Anfang der Philosophie.“(Aristoteles)
Der Urknall ist für Gottsucher eine sympathische Idee – passend zum biblischen „Es werde Licht“. Doch die Naturgesetze fragen nicht nach menschlichem Geschmack. Sollte die Theorie des Urknalls zugunsten eines ewigen, zeitlosen Universums fallen, weil doch noch ein Regensburg vor der Zeit entdeckt wird, gerät dieses Fundament nicht ins Wanken. Egal,ob das Universum einen definierten Anfang hat: Das Staunen über das Sein bleibt.
Ein Radiosprecher erzählte von den Entdeckungen des Hubble-Teleskops und resümierte:
„Das Wunder wird in jedem Fall kleiner werden.“
Kommentar meiner Mutter am Radio:
„Es wird größer werden.“
Recht hat sie!
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