
Die Welt draußen und der Raum drinnen rücken manchmal unangenehm zusammen. Man ist im Alltag gebunden – an eine Aufgabe, an eine Technik, an einen Ort. In diese Situation bricht die Nachricht von einem Unglück in der eigenen Stadt.
Der erste Reflex ist privat. Man sucht die Verbindung zu den Menschen, die einem wichtig sind. Geht es allen gut? Sind sie sicher? Zugleich füllen Worte das Vakuum. Wo verlässliche Informationen fehlen, wuchern die Deutungen.
Das Schlagwort „polizeibekannt“ macht die Runde – ein Anker, an den man sich klammert, um das Unbegreifliche zu sortieren. Es ist der Versuch, der eigenen Ohnmacht eine Erklärung entgegenzusetzen. Dabei kann der Begriff „polizeibekannt“ alles oder nichts bedeuten: Ladendieb? Hohe Schulden? Ein Zeuge in einem Prozess? Straftäter?
Epiktet kannte Ohnmacht. Er war ein Sklave, der körperlich gebunden war, aber seinen Geist für unantastbar erklärte. Er unterschied zwischen dem, was wir beeinflussen können, und dem, was außerhalb unserer Macht liegt. Die Tat eines Fremden, die Gerüchte im Netz, das Rauschen der Meinungen – all das ist für ihn „extern“.
Maschinen sind neutral. Wir nutzen sie, um zu reisen oder um Blut zu reinigen. Wir blicken auf Bildschirme, die uns mit Epiktet oder mit dem aktuellen Polizeibericht verbinden. Doch sie verleiten uns dazu, die Distanz zu verlieren. Wir verwechseln Mitfühlen mit Mitreden und Wissen mit Vermuten.
Das Leben ist zerbrechlich. Wir verdrängen das oft. Doch manchmal lässt es sich nicht verdrängen. Wer das aus der eigenen Geschichte kennt – durch Krankheit, Verlust oder die Nähe zu Menschen, die täglich mit Freunden in Kriegsgebieten telefonieren–, blickt vielleicht anders auf diesen Lärm. Es ist eine Haltung, die nicht nach schnellen Antworten sucht, sondern gezwungen ist die Ungewissheit auszuhalten.
Freiheit ist vielleicht nichts weiter als der kurze Moment der Entscheidung, wie man mit seiner Gebundenheit an die Welt und an die Ereignisse in der Heimat umgeht. Ob man sich vom Sog der Deutungen mitreißen lässt oder ob man die Ohnmacht des Augenblicks schweigend aushält.
Zum Weiterdenken
Aus der Geistesgeschichte
Viktor Frankl – Die letzte Freiheit
Der Psychologe und KZ-Überlebende beschreibt die Freiheit, die uns niemand nehmen kann: die Wahl der eigenen Einstellung.
„Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Antwort.“
Marc Aurel – Die innere Burg
Der stoische Kaiser mahnt zur Unterscheidung zwischen äußeren Ereignissen und innerer Bewertung.
„Die Dinge rühren nicht an die Seele, sondern stehen draußen; Unruhe entspringt allein aus der inneren Meinung.“
Blaise Pascal – Die Angst vor der Stille
Schon im 17. Jahrhundert erkannte er unsere Flucht in die Zerstreuung.
„Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht in der Lage sind, ruhig in einem Zimmer zu bleiben.“
Biblische Texte
Psalm 46 – Inmitten der Erschütterung
Ein Lied über das Vertrauen, wenn die Welt wankt.
„Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin.“ (Psalm 46,11)
Das Buch Hiob – Die Kraft des Schweigens
Gegen die Sucht nach schnellen Erklärungen steht das gemeinsame Aushalten des Schmerzes.
„Und sie saßen mit ihm auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte und redeten nichts mit ihm; denn sie sahen, dass der Schmerz sehr groß war.“ (Hiob 2,13)

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