Schloß Hamborn: Weideland, Lebensschule und ein sächsischer Prinz
Was macht ein Monarch, wenn er nicht mehr regiert? Im Kinderbuch „Urmel aus dem Eis“ gibt es einen König, den alle nur „Futsch“ nennen, weil seine Krone weg ist. Er bleibt ein Gefangener seiner verlorenen Rolle und reist rastlos umher.
Wie ganz anders verlief dagegen das Leben eines echten prinzlichen Thronanwärters, der im Jahr 1918 die Aussicht auf eine Krone verlor: Prinz Georg Moritz von Sachsen-Altenburg.
Wo die Märchenfigur nostalgisch trauert, packte der reale Mensch an. Der offizielle Erbprinz galt als zutiefst feinsinnige, bescheidene Persönlichkeit, die jeden Standesdünkel bereitwillig ablegte. Statt einer verlorenen Macht hinterherzutrauern, absolvierte er nach dem Ende der Monarchie eine landwirtschaftliche Ausbildung.
Der Neuanfang in den Ruinen
In dieser Zeit befasste sich der Prinz mit den Lehren von Rudolf Steiner. Als Anhänger der Anthroposophie investierte er sein Vermögen schließlich in den Wiederaufbau von Schloss Hamborn.
Hier kreuzten sich die Wege mit Siegfried Pickert. Der engagierte Anthroposoph und Heilpädagoge hatte zuvor in Jena das bundesweit erste heilpädagogische Heim mitaufgebaut. Im Jahr 1932 gründete Pickert aus einer Brandruine in Hamborn eine Einrichtung für Heilpädagogik.
Die Nationalsozialisten lösten diese Einrichtung im Jahr 1941 gewaltsam auf und vertrieben die Kinder. Wer keine Angehörigen mehr hatte, wurde zwangsweise in staatliche Pflegeanstalten und psychiatrische Einrichtungen der Region überwiesen. Viele der ehemaligen Hamborner Kinder überlebten die darauffolgenden Kriegsjahre nicht.
Wiederaufbau mit eigenen Händen
Nach dem Krieg arbeitete der Prinz beim Wiederaufbau als einfacher Arbeiter mit. Er lebte in einer kleinen Wohnung im Schloss, engagierte sich in der heilpädagogischen Forschung und war viele Jahre im Vorstand der dortigen sozialen Werkgemeinschaft aktiv.
Kurz vor seinem Lebensende im Jahr 1991 kam er in eine pflegerische Einrichtung in Rendsburg (Schleswig-Holstein), wo er schließlich verstarb.
Das eigentliche Schlossgebäude aus Naturstein, erbaut im Stil der Weserrenaissance, beherbergt heute vollstationäre Wohngruppen für die Kinder- und Jugendhilfe sowie die Büros der Verwaltung.
Ein Spaziergang zum Waldfriedhof
Mitten im Wald nahe der Anlage liegt ein kleiner Friedhof. Kreuze aus Holz und Natursteine im Grün laden zum Verweilen ein. Hier ist das einfache Grab des Prinzen ohne Krone. Ein Pilgerpfad führt an diesem Ort vorbei.
* Die Route: Der Alte Pilgerweg (Südrunde) verläuft als Rundweg über die Paderborner Hochfläche (ca. 14 km, Originalroute 21 km).
* Die Markierung: Quadratische Schilder mit hellblauem Hintergrund und einer stilisierten weißen Muschel.
* Hintergrund: Als lokaler Wallfahrtsweg erinnert er an die historischen Routen zur Kapelle „Zur Hilligen Seele“ (kein offizieller Teil des Haupt-Jakobswegs).
Leben nach Demeter-Richtlinien
Junge Ahornbäume wachsen am Wegrand unter alten Bäumen. Auf den Weiten der Umgebung stehen Tiere nach
* Hühner laufen gackernd über den Feldweg.
* Gänse und Enten schnattern auf dem pädagogischen Schülerhof.
* Ein Esel lässt sich die Blätter eines Buschs schmecken.
* Kühe und ein Zuchtbulle grasen vor der dichten Kulisse des angrenzenden Waldes.
Ganz anders als auf großen Höfen, wo Kühe eng eingesperrt sind, um möglichst viel Milch zu liefern. Im umliegenden Mischwald leben zudem Rehe, Dachse und Spechte.
Anthroposophische Architektur & Inklusion
Im Zentrum der Anlage liegt die Waldorfschule. Die Gebäude spiegeln die typische anthroposophische Architektur wider: geschwungene Metalldächer, organische Deckenformen im Treppenhaus, farbige Wände und asymmetrisch verstrebte Glasfenster.
Café Alte Schule
Nahe der Schule befindet sich das Café „Alte Schule“, das als Inklusionsbetrieb geführt wird.
* Öffnungszeiten (März–Oktober): Mittwoch bis Sonntag von 12:00 bis 18:00 Uhr (November–Februar bis 17:00 Uhr).
* Angebot: 100 % aus kontrolliert biologischem Anbau. Arabica-Hochlandkaffee, handgemachte Kuchen aus der hauseigenen Backstube sowie wechselnde Mittagsgerichte (12:00 bis 14:00 Uhr).
Hofladen
Direkt gegenüber liegt der Hofladen (Natura). Hier gibt es handwerklich hergestellte Lebensmittel aus der eigenen BioManufaktur: prämierte Vollkornbrote, Käse- und Molkereiprodukte aus der schlosseigenen Käserei sowie Fleisch- und Wurstwaren.
Blick in die Welt
Der Blick des beschaulichen Ortes geht über den eigenen Horizont hinaus: Bunte, an einem Baumstamm befestigte Wegweiser verraten, wie weit es zu großen Städten weltweit ist – wie etwa Amsterdam (337 km) oder Peking (7664 km).
Ein Hinweisschild weist den Weg zur hauseigenen Schreinerei, die ebenfalls als anerkannter Zweckbetrieb zum Handwerksbereich der Gemeinschaft gehört.
Übersicht
Heute nutzt die Schloss Hamborn Rudolf Steiner Werkgemeinschaft das Gelände als anthroposophisches Zentrum. Es umfasst:
* Ein Internat & einen Kindergarten
* Ein Altenwerk & eine Reha-Klinik
* Eine Gärtnerei & ein bio-zertifiziertes Hofgut
Anreise und Fakten kompakt
Mit dem Auto: Aus Paderborn in südlicher Richtung über die Gemeinde Borchen bis nach Schloss Hamborn (über die Autobahn A33, Abfahrten Paderborn-Zentrum oder Borchen).
Wichtige Landmarken am Wanderweg
* Schloss Hamborn: Zentrum mit Waldfriedhof.
* Kapelle Zur Hilligen Seele: Historische Wallfahrtskapelle aus dem 10. Jahrhundert.
* Mallerberg: Aussichtspunkt über das Altenautal.
* Despental: Naturnahes Bachtal mit Waldabschnitten.
* Teufelsstein: Markanter Naturstein und Aussichtspunkt.
* Nonnenbusch: Dichtes Waldgebiet auf der Strecke.
Die Waldorfschule vor Ort:
* Platz für 620 Schülerinnen und Schüler.
* Inklusionskonzept mit integriertem Förderzweig für emotionale und soziale Entwicklung.
* Schulzeit basiert auf dem Waldorflehrplan (13 Jahre).
* Abschlüsse: Hauptschulabschluss (ESA/EESA) und Fachoberschulreife (FOR/MSA) am Ende von Klasse 11. Danach Abitur oder Fachhochschulreife über das hauseigene Berufskolleg.
Stationäre Kinder- und Jugendhilfe:
* 122 Wohnplätze in 16 verschiedenen Wohngruppen.
* 9 familienanaloge Lebensgemeinschaften (Personal wohnt fest integriert).
* 7 Wohngruppen im klassischen pädagogischen Schichtdienst.
Das Fazit
Statt wie der im Kinderbuch beschriebene König „Futsch“ einer verlorenen Rolle hinterherzuweinen, wagte Prinz Georg Moritz einen visionären Neuanfang. Gemeinsam mit Siegfried Pickert und vielen anderen engagierten Menschen investierte er viel Geld und Zeit, um mit der Werkgemeinschaft ein bleibendes Fundament für Generationen von Kindern und Jugendlichen zu legen – ein lebendiger Ort der Begegnung, der bis heute als echte Lebensschule fortwirkt.












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