Theorie: Summa cum laude – Praxis: Durchgefallen. Ein Brief an Petrus

Ein persönlicher Brief an Simon Petrus über das gemeinsame Schwanken zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Diese Analyse beleuchtet die biblische Ambivalenz des Apostels, sein Verhältnis zu Maria Magdalena und die mühsame Umkehr des ‚Tankers Kirche‘. Inklusive einer kleine Übersicht von Quellen zum Weiterlesen.

Evangelische Stiftskirche St. Peter am Petersberg bei Halle
Evangelische Stiftskirche St. Peter am Petersberg bei Halle


An Simon Petrus,


Sie kennen mich nicht. Mich trennen zwei Jahrtausende von Ihnen. Ich bin ein Kind der Kirche, die eine Verbindung zwischen den Päpsten in Rom hin zu Ihnen sieht, und wenn ich mir anschaue, was die Bibel erzählt: ja, da ist die Präsenz von Ihrem Bewusstsein spürbar. 

Wenn ich Ihre Pfingstrede lese, beeindruckt mich die Wucht. Doch noch mehr beeindruckt mich das, was danach kommt: Ihr Mut, in den Hintergrund zu treten. Während in der Apostelgeschichte bald Namen wie Stephanus dominieren und später Paulus mit seinen Briefen die Weltbühne besetzt, bleiben Sie eine stille Säule. Vielleicht, weil Sie begriffen haben, dass wahre Autorität nicht im Rampenlicht stehen muss.


Dabei ist das, was man heute „petrinisch“ nennt, ein seltsames Erbe. Wenn ich mir Ihr Bild in den Evangelien anschaue, sehe ich ein Muster, das sich durch die gesamte Geschichte der Päpste zieht: Sie sind absolut sicher in der Dogmatik, aber zielsicher daneben in der Praxis. In einem Moment bekennen Sie prophetisch: „Du bist Christus!“ – und im nächsten Moment wollen Sie dem Herrn vorschreiben, dass er bloß nicht nach Jerusalem gehen soll, wofür er Sie prompt einen „Satan“ nennt. Dieses Schwanken zwischen dem höchsten Anspruch und dem tiefsten menschlichen Unverständnis ist fast schon tragikomisch.

Und wenn ich mir Ihre Nachfolger, die Päpste, anschaue, dann erkenne ich Sie darin oft erschreckend deutlich wieder: Ebenso unfehlbar im dogmatischen Anspruch, aber zwischendurch meilenweit weg von jedem Anspruch Christi. In diesem Sinne sind sie wohl wirklich Ihre „echten“ Nachfolger – Erben Ihrer Größe, aber eben auch Erben Ihrer Fehlbarkeit.


Es war mutig, dass sich ein Papst Franziskus nannte, aber vielleicht auch nötig, um den Blick weg von Rom und hin nach Assisi zu lenken. Christus ist an den Wegkreuzungen und in den Dörfern am See, nur selten in Jerusalem und Rom.


Während Paulus theologische Lehrgebäude errichtet, wirkt der Völkerapostel in seinen Briefen oft unantastbar stark. Doch Paulus selbst klagte über einen „Pfahl im Fleisch“, und vor Ort wirkte er auf seine Zeitgenossen oft alles andere als souverän. Seine Briefe waren seine Rüstung, auch wenn da manches schwer verständlich ist, wie Sie im Petrusbrief beklagen...falls Sie das geschrieben haben. 


Sie dagegen hatten diese Rüstung nicht. Sie waren einfach da – mit Ihrer ganzen Präsenz und eben auch mit Ihrem Momenten des Reinfalls. Man verzeihe mir die Anspielung auf Ihren Beinahe-Untergang im See, aber gerade das macht Sie mir so nah.


Was mich besonders fasziniert, ist Ihre Fähigkeit, sich korrigieren zu lassen. Die offiziellen Berichte der vier Evangelien geben da doch einen guten Eindruck: Als die Frauen vom leeren Grab berichteten, war Ihre erste Reaktion Skepsis. Und doch blieben Sie nicht sitzen, sondern liefen zum Grab. 


Diese Ambivalenz gegenüber den Frauen zieht sich jedoch durch. Auch außerbiblische Zeugnisse wie das Evangelium nach Maria zeigen Sie als Zweifler, dem es schwerfällt, einer Frau wie Maria Magdalena göttliche Offenbarung zuzutrauen. Eine Skepsis, die in der Papstgeschichte dogmatische Karriere gemacht hat. Man mag einwenden, dass das Marienevangelium nicht Teil der Bibel ist, aber gerade die katholische Kirche scheut sich auch nicht, über den Tellerrand der Evangelien hinauszublicken, um die Tradition zu ergänzen und zu vertiefen. 


Wenn ich mir die letzten Päpste anschaue, sehe ich diesen schmerzhaften Versuch, wieder dichter hinter Jesus herzulaufen – dorthin, wo er Sie damals mit einem barschen „Auf, hinter mich!“ zurechtwies.

Seit dem 19. Jahrhundert ist zwar die Autorität des Papstes auf dem Papier gestärkt worden, in der Praxis ist der Chef im Vatikan in Strukturen eingebaut, die er nicht ex cathedra abstreifen kann, selbst wenn er wollte. Nach den großen Gesten von Franziskus kehrt da Leo wohl auch deshalb in die alte päpstliche Wohnung zurück: das wirkt zwar nach außen weniger bescheiden als die Casa Santa Martha, scheint aber preiswerter zu sein als eine ganze Etage des Hotels aus Sicherheitsgründen abzuriegeln. 


 Man kann 2000 Jahre Geschichte nicht einfach loslassen. Es braucht Geduld mit  einer Kirche, die so schwerfällig ist wie ein alter Tanker, der den Kurs nur in Zeitlupe ändern kann. Das hat zumindest den Vorteil, dass man nicht jedem Trend nachrennt.

 Ich merke das ja an mir selbst: Ich kann meine 55 Jahre Biografie auch nicht einfach ignorieren. Wer an mehreren Ausfahrten zielsicher vorbeigerauscht ist, dem hilft es wenig, wenn jemand fordert, man möge auf der Autobahn einfach „umkehren“.


Umkehr ist in der Theorie ein schönes Wort für eine Predigt. In der Praxis der Geschichte und eines langen Lebens ist sie ein mühsamer Prozess des Umwegs. Man muss die nächste Ausfahrt finden und gegebenenfalls über bergige Landstraßen zurück, weil die Auffahrt der Gegenrichtung durch ein Dogma der Vorgänger oder der eigenen Biographie gesperrt ist.


Ich habe es da einfacher auf meinem Platz hinten neben dem Ausgang. Ich kann einfach gehen, wenn mich ein Impuls drängt, nach draußen zu gehen.Wer vorne alle Blicke auf sich zieht, kann das nicht. Vielleicht waren Sie ganz froh, als Paulus so viel Aufmerksamkeit auf sich zog. Und vielleicht würden wir auch heute Päpsten, Bischöfen und Priestern einen Gefallen tun, wenn wir unser eigenes Handeln als Christ nicht von ihrem Vorbild abhängig machen. 


  Ich bleibe also mit Ihnen unterwegs – skeptisch gegenüber den „goldenen Kathedralen“, aber hoffnungsvoll, dass der Herr uns am Ende an das richtige Ziel leitet.

In ehrlicher Weggemeinschaft,

Ernst-Ulrich Kneitschel




Weiterführende Quellen



 1. Die Dialektik von Fels und Strauchelndem (Biblischer Befund)


Die im Brief thematisierte „Tragikomik“ des Petrus spiegelt das literarische Profil der Evangelien wider. Petrus ist die einzige Figur, die in extremster Verdichtung sowohl als Fundament als auch als Widersacher gezeichnet wird.


* Der Fels als Stolperstein: In Matthäus 16,17–23 folgt auf die Verheißung des Felsenamtes unmittelbar die schärfste Zurechtweisung der gesamten Bibel („Vade retro, Satana“). Der griechische Text nutzt hier das Wort skandalon (Fallstrick/Anstoß). Dies begründet das im Brief erwähnte „petrinische Erbe“: Die Unfehlbarkeit des Bekenntnisses trifft auf die Fehlbarkeit des menschlichen Plans.

* Die Dynamik des Versinkens: Die Erzählung vom Gang auf dem Wasser (Matthäus 14,28–31) dient als Ur-Metapher für eine Existenz zwischen Vertrauen und Angst. Das griechische Wort für „Zweifeln“ (distazein) bedeutet wörtlich „Zwiegespaltensein“ – ein Zustand, der im Brief als Kern der kirchlichen Identität beschrieben wird.


2. Petrus und die Frauen


Der Brief verweist auf das spannungsvolle Verhältnis zu Maria Magdalena. Während die kanonischen Evangelien Petrus am Grab skeptisch, aber letztlich suchend zeigen (Lukas 24,12), vertiefen apokryphe Schriften diesen Konflikt als strukturelles Problem.


* Das Evangelium nach Maria (EvMar): In diesem koptischen Text (Codex Berolinensis Gnosticus 8502) wird Petrus als Antagonist zur geistlichen Autorität der Frau dargestellt. Er fragt ungläubig: „Hat er wirklich mit einer Frau heimlich gesprochen, nicht offen vor uns?“ (EvMar 17,10). Die Antwort des Levi (Matthäus) ist bezeichnend: „Petrus, du bist immer zornig.“ Diese Stelle markiert den historischen Ursprung einer hierarchischen Skepsis, die der Brief als „dogmatische Karriere“ bezeichnet.


* Das Evangelium nach Thomas (EvThom): Logion 114 überliefert die Forderung des Petrus: „Mariam soll von uns fortgehen, denn die Frauen sind des Lebens nicht würdig.“ Die Forschung deutet dies oft als Chiffre für die Verdrängung charismatischer (weiblicher) Elemente durch die beginnende petrinische (institutionelle) Ordnung.


 3. Das Spannungsfeld Petrus – Paulus


Der Brief kontrastiert die „Rüstung“ der paulinischen Theologie mit der „Präsenz“ des Petrus.


* Der Antiochenische Zwischenfall: In Galater 2,11–14 berichtet Paulus, wie er Petrus „ins Angesicht widerstand“. Der Vorwurf: Heuchelei aus Furcht vor den Traditionalisten. Dieser biblische Beleg stützt die These des Briefes, dass Petrus sich korrigieren lassen kann und muss – eine Eigenschaft, die Paulus (der „Architekt“) seltener offenbart.


* Der „Pfahl im Fleisch“: Während Paulus diesen als dorniges Hindernis seiner Souveränität beschreibt (2. Korinther 12,7), bleibt Petrus ohne solch literarische Verteidigung. Seine Schwäche ist nicht privat, sie ist öffentlich (Verleugnung im Hof des Hohepriesters).


 4. Literaturhinweise zur Vertiefung


* Pesch, Rudolf: Simon Petrus. Geschichte und Rezeption. (Standardwerk zur historischen Einordnung).


* King, Karen L.: The Gospel of Mary of Magdala. (Zur Analyse des petrinischen Widerstands gegen weibliche Offenbarung).


* Küng, Hans: Die Kirche. (Zur kritischen Sicht auf die Entwicklung des petrinischen Amtes).


* Söding, Thomas: Die Verkündigung des Petrus. (Exegese der Reden in der Apostelgeschichte).




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