Psalm 3: Straßenbahnpsalm

Ach, HERR, wie sind meiner Feinde so viele

und erheben sich so viele wider mich!

Sie starren auf mich,

 ohne mich zu sehen,

gefangen in der großen Nicht-Begegnung.

Die Blicke flüchten kalt zum Fenster hinaus,

während wir uns stumm im Wagen drängen.


Viele sagen von mir: 

Wo soll er denn sein, dieser Gott

zwischen all den stummen Naturgesetzen? 

Nichts war da und nichts folgt am Ende. 



Sie messen meinen Wert am Nutzen für sie,

sie verurteilen meine Erschöpfung

in der drückenden Hitze dieses Sommers,

während draußen die Baustellen 

die Geduld strapazieren und verunsichern. 


Wo muss ich umsteigen? 

Wo finde ich den Anschluss? 

Der Fahrer muss los.

Er kann nicht warten. 

Auch er unterliegt Zwängen. 


Sie wissen nicht,wie verletzt ich bin.

Ich weiß nicht,wie verletzt sie sind.

Fremde Blicke tasten im Nebel.

Die Welt da draußen stummgeschaltet,

hinter Screens und Playlists versteckt.

 Aber 

du, HERR, bist für mich da,

du bist mein Fahrplan.

Du hebst mein Haupt empor.


Wenn die Hektik ausbricht,

weil jemand fast die Haltestelle verpasst,

wenn Menschen hetzen, drängeln, Dinge vergessen –da bleibst Du mein Schutz.


Bei der rastlosen Suche nach einem Sitzplatz,

beim plötzlichen Pulsieren der Angst,

wenn es heißt: „Die Fahrscheine bitte!“

Du bist meine Berechtigung.

Vor Dir muss ich mich nicht beweisen.

Wo habe ich den Fahrschein?

Ich weiß, dass ich ihn habe.

Der Kontrolleur zuckt die Schulter.

Er glaubt nur, wenn er sieht.


Wenn die Reibung der Schiene mich aufschreckt 

und alles ins Wanken gerät:

Du bist die stabile Stange im Gedränge.

Du vergisst mich nicht.

Fahr mit mir bis zur Endstation.

Tief hinein in die Zeitenstille.

Mein Schild auf dieser Fahrt.



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