Als die Jünger Jesu die Grenzen aus Angst verschlossen, ...

 Am Ostermorgen hatten die Jünger Jesu aus Angst die Türen verschlossen. Heute verschließen christliche Staaten die Grenzen aus Angst. 

"Das Mittelmeer und die Ägäis sind zu einem unersättlichen Friedhof geworden, ein Bild unseres abgestumpften und betäubten Gewissens." In eindringlichen Bildern spricht Papst Franziskus. Auch beim Kreuzweg in Rom war es wieder sein Thema: das Schicksal von Menschen, die vor Krieg und Not fliehen. In Deutschland haben beide christlichen Kirchen erkannt, dass der Umgang mit der Flüchtlingsfrage Prüfstein ihrer eigenen Glaubwürdigkeit ist. Das Christentum sollte auf der Seite der Schwachen stehen. Warum?

Weil Jesus selbst am Rande stand und sich für die Schwachen eingesetzt hat. 

Weil Jesus selbst auf Gewalt nicht mit Gewalt geantwortet hat. Stattdessen ist er selbst für seine Botschaft in den Tod gegangen. 

Weil Jesus sich dafür eingesetzt hat, das Böse in der Welt dadurch zu überwinden, dass man das Gute stärkt. 

Ostern ist somit auch die Botschaft, dass die weltliche Logik von Gewalt und Vergeltung am Ende nicht zum Ziel führt. 

Soweit der Anspruch. In der Praxis steht am Beginn die Angst.

 „Solidarität den Flüchtlingen gegenüber ist ein Wort, dass in der entwickelten Welt Ängste hervorruft. Die Verantwortlichen trauen sich allerdings nicht, das zu sagen. Es ist fast ein schmutziges Wort für sie. Aber es ist unser Wort“ unterstrich Papst Franziskus bei einem Besuch des Jesuit Rescuit Service in Rom.

Zu dieser Solidarität gehört, jenen eine Zukunft zu geben, die hier in Leipzig sind - jenen, die schon lange hier wohnen, sich aber benachteiligt fühlen oder es tatsächlich sind  - und jenen, die neu ankommen. Es gehört dazu, vor Schwierigkeiten nicht die Augen zu verschließen und Lösungen zu finden, damit Integration nicht nur ein Schlagwort bleibt. Nein, das ist kein leichter Weg. Es ist ein dorniger Weg. Um den richtigen Weg zu finden, brauchen wir einen Dialog der Erfahrungen.

Und dann gehört der Blick über Europa hinaus dazu, weil es keine Lösung ist, Europa zur Festung auszubauen - zumindest keine Lösung, die den leidenden Menschen in den Mittelpunkt stellt. 

«Wann endlich raffen sich die Völker Europas, Russlands und Amerikas auf, alles zu tun, um den Kriegen im Nahen Osten ein Ende zu setzen? Wann endlich schaffen sie zumindest humanitäre Lösungen für die Menschen an den Grenzen und in den Flüchtlingslagern?», fragte Kardinal Marx am Palmsonntag.  

Grenzen schließen ist nicht die Lösung. Grenzen öffnen auch nicht, wenn die Angst vor dem Fremden nicht besiegt wird.  Die eigentliche Frage ist: Welche Zukunft können wir jenen eröffnen, die keine Zukunft sehen? 

Die biblische Wurzel der Sorge für den Fremden ist älter als das Christentum: „Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen.“ (3 Moses 19,33)

Die Erinnerung an die Erfahrung der eigenen Vorfahren öffnet den Blick für die Situation von Menschen, die heute vor Gewalt fliehen und für sich und ihre Kinder eine Zukunft suchen. 

 

Frohe Ostern!

 

Ernst-Ulrich Kneitschel, geschrieben 70 Jahre nach der Vertreibung seiner Eltern am Beginn seiner Tätigkeit für die Ökumenische Flüchtlingshilfe in Leipzig. 

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