Die Sonnenblume: Einfach nicht dasselbe

Inspiriert durch ein Bild von Dr. Mona Clerico

"Das ist doch nicht dasselbe!" Ernsthaft gekränkt sah mich Martina an. Und ich merkte sofort, dass ich wohl allzuleicht einen Lebenstraum von ihr ignoriert hatte. Es ging um Kinder. Die Natur hat nicht vorgesehen, dass ich Kinder kriege. Nun stand die Frage an, ob wir Kinder adoptieren. Und ich hatte die Anfrage abgebügelt: "Wir können uns ja häufiger um unsere Nichten und Neffen kümmern."

"Das ist doch nicht dasselbe" Ein Feld voller Sonnenblumen. Im Fokus eine große Blüte, daneben klein und schwach eine weitere, die sich schwertut, ihr Haupt der Sonne entgegenzustrecken. Nicht perfekt und deshalb schön. Vielleicht braucht sie andere Erde? Vielleicht braucht sie mehr Wasser? Ich bin kein Biologe. Aber ich merke, dass mich die kleine unscheinbare Blume anzieht. So wie es mir manchmal bei Menschen geht. Die Zeit, die Du der Sonnenblume gibst, macht die Sonnenblume wertvoll. Frei nach Exupery.

Täglich begegnen wir vielen Menschen. Die meisten beachten wir nicht: "Wir werfen flüchtige, gehetzte Blicke auf die Anderen, die hinter trübem Glas in schummrigem Licht sitzen und aus unserem Blickfeld wieder verschwinden, kaum dass wir Zeit hatten, sie wahrzunehmen."

Bei jedem Menschen verpassen wir eine Welt voller Geschichten und Erfahrungen. Und doch schaffen wir nur bei wenigen, mehr als nur die Oberfläche zu sehen.

Es ist gut und wichtig, einem Menschen Zeit zu schenken und in dieser Zeit mit ganzem Herzen für ihn dazusein. Mit einem Menschen zu wandern, zu lesen, zu spielen, einen Wein zu trinken, ihm Nähe zu schenken. Aber es ist etwas anderes, eine gemeinsame Geschichte zu leben, sich einzulassen auf die Träume des anderen und zu erleben, dass im Blick auf den anderen auch eigene Träume wahr werden, von denen man zuvor nichts ahnte. Nicht den anderen beherrschen, nicht sich selbst aufgeben. Dem Herzen des anderen nahe sein und so gleichberechtigt wachsen. Aus der Vielfalt der täglichen Träume kann nicht alles Wirklichkeit werden. Ein großer Teil von uns bleibt ungelebt, selbst wenn wir Jahrhunderte leben würden.

 

In der Nacht nach dem Gespräch, in dem ich ablehnte, zu adoptieren, stand ich in einem Feld mit Sonnenblumen.

 

Im Morgenrot kommen drei  Frauen. In langem weinrotem Ballkleid. Sie setzen sich an die Seiten eines dreieckigen Tisches aus massivem Buchenholz unter einer Linde. Stehend schenke ich ihnen Tee ein. Eine trägt goldenes langes Haar. Eine hat braune Locken. Eine schwarzes, kurzes Haar. Ernst blicken sie mich an: 

"Ernst-Ulrich. Deine Frau wird Mutter werden."

"Wir können keine Kinder kriegen.", antworte ich.

Wie Glocken klingt ihr Lachen.

"Diese Generation erlebt Wunder, die Menschen über Jahrtausende erträumten. Ein kleines Gerät öffnet Dir das Wissen der Welt.  Du redest in Sekunden mit Menschen auf der ganzen Welt. Du reist an einem Tag 500 Kilometer. Und ausgerechnet Du Theologe weigerst Dich, an Wunder zu glauben?"

Die Frau mit braunen Locken steht auf. Sie nimmt meine Hand und führt mich zum Feld:

"Grabe diese Sonnenblume aus und pflanze sie in Deinen Garten."

Ich will die schöne, große nehmen. Es scheint mir leichter, sie wieder zum Blühen zu bringen. Die Frau schüttelt den Kopf: "Nimm die kleine Blume." Zweifelnd sehe ich sie an.  Stumm treten die anderen Frauen hinter sie:

"Du hast gehört. Nun geh."

 

Ich erwachte, Martina atmete ruhig neben mir. Sie lächelte im Schlaf. Ich ging zum Balkon. Aus einer Wohnung tönte es leise: "For unto us a child is born." Es war Juni. Manche Leute können wohl Weihnachten garnicht erwarten.

Der Theologe erinnerte sich an sein Eheversprechen: "Wollt ihr die Kinder, die Gott euch schenken will, annehmen?" Klar, dachte ich damals. Und innerlich: Da kommt kein Kind. Ich bin zwar gläubig, aber in meinen Träumen gab es keine Verheißung eines Nachkommen im hohen Alter, aus dem ein großes Volk werden soll. Und Martina und ich hatten auch nie vor, dem durch Einsatz moderner Medizin nachzuhelfen. Uns reichte das Wunder einer Nierentransplantation.

Zwei Söhne brachten wir zu uns nach Hause und zeigten ihnen die Welt.

Es war nicht dasselbe. Es war Geschenk und Kampf. Große Freude. Große Trauer. Geschenkte Zeit. Bleibende Verantwortung.