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Die eine Stimme und die vielen Stimmen

Gedanken zu 1 Sam 3, 3 - 19

Es ist dunkel. Mir ist kalt. Am Eingang der Regensburger Schottenkirche ist das Wasser im Weihwasserbecken gefroren. Alte romanische Kirchen eignen sich nicht zum Übernachten. Aber 1992 bis 1994 hatte ich freien Zugang zu der Kirche des Regensburger Priesterseminars. Und so war ich manche Nacht hier und suchte Ruhe. 

Vielleicht wollte Gott mit mir reden. Aber ich stand erst am Anfang. Und trotz der vielfältigen theologischen Bibliothek war es selten, dass Gott in dieser Zeit das Herz der Menschen wirklich erreichte. Reich waren die steinernen Zeugen vergangener Hoch-Zeiten des Glaubens. Doch nun, am Ende des 20. Jahrhunderts war der Geist Gottes für viele nicht mehr spürbar.  

"Ich war in der Kirche, aber Gott war nicht da.", schrieb mir eine Freundin, die inzwischen frustriert und enttäuscht die Kirche verlassen hat.  Regensburg hatte viele Kirchen. Viele waren katholisch. Aber die Amtsträger übersahen die Not oder verstärkten selbst die Not derer, die ihnen vertraut hatten. Es ist das Schicksal der reichen Gemeinde, die sichtbar und satt in der Stadt steht. Der Schrei derer, die von Missbrauch berichteten, erreichte bereits den Theologen des ersten Semesters. Konnte das sein? Ich verschloss die Augen und war doch verunsichert. Als ich 1995 vom Skandal um Kardinal Groer hörte, war ich entsetzt. Hatte ich wirklich alles ausgeblendet, was mir zuvor erzählt wurde? Ja, ich wollte daran glauben, dass Gottes Boten glaubwürdig sind...viele sind auch glaubwürdig... aber es gab auch Täter und jene, die von Schuld wussten und nicht handelten. 

Samuel sitzt im Tempel und schlief ein. Mehrfach denkt er, sein geistlicher Lehrer Eli wolle ihn rufen. Es dauert, bis der Lehrer begreift, was hier gerade geschieht. Und Eli sprach zu Samuel: Geh wieder hin und lege dich schlafen; und wenn du gerufen wirst, so sprich: Rede, HERR, denn dein Knecht hört. (1 Sam 3,9) 

Die ersten Worte Gottes, die der Schüler von Gott hört, sind eine schallende Ohrfeige für Eli:

An dem Tage will ich über Eli kommen lassen, was ich gegen sein Haus geredet habe; ich will es anfangen und vollenden. Denn ich hab's ihm angesagt, dass ich sein Haus für immer richten will um der Schuld willen, dass er wusste, wie seine Söhne sich schändlich verhielten, und hat ihnen nicht gewehrt. (1 Sam 3, 12 - 13)

Ein Vater wird zur Verantwortung gezogen für die Taten seines Sohnes, weil er nichts dagegen getan hat. Eli hatte es geahnt. Samuel wollte die Prophezeiung nicht weitergeben, doch Eli bestand darauf, zu hören, was Gott zu sagen hat. 

Es gibt eine Verantwortung von Eltern für Kinder und Jugendliche. Zwar können Eltern nicht immer verhindern, dass Kinder und Jugendliche schuldig werden. Aber sie dürfen nicht die Augen davor verschließen. Und zumindest in einem demokratischen Rechtsstaat sollten Eltern dazu beitragen, dass Unrecht juristisch aufgearbeitet wird. Eli wird nicht vorgeworfen, dass seine Söhne schuldig wurden. Ihm wird vorgeworfen, die Augen verschlossen zu haben. 

Es gibt eine Verantwortung von kirchlichen Institutionen für das, was in ihrem Namen geschieht. Kirche und Seelsorge lebt von Vertrauen.   Das wurde für viele zerstört.

Das Leben ist nicht perfekt und es geht manchmal seltsame Wege. Manche Unterrichtsstunde wird sooft wiederholt, bis sie im Herzen Wiederhall findet. Samuel ist in der Bibel nicht die einzige Person, die zunächst einmal nicht begeistert ist.

Ein sehr schönes Beispiel ist auch Jona, dem das Alte Testament ein ganzes Buch widmet. Statt wie befohlen nach Ninive begibt er sich auf ein Schiff.

Mose erklärt zuerst einmal wortreich, dass er garnicht sprachlich fit genug sei, um zum Pharao zu gehen. 

Doch Mose sagte zum Herrn: Aber bitte, Herr, ich bin keiner, der gut reden kann, weder gestern noch vorgestern, noch seitdem du mit deinem Knecht sprichst. Mein Mund und meine Zunge sind nämlich schwerfällig. (Ex 4,10)

Tatsächlich sind Berufungsgeschichten selten sofort so eindeutig wie sie im Rückblick erzählt werden. 

Das gilt ja insgesamt für Biographien. Wie eine Episode erzählt wird, hängt vom Zeitpunkt und der Einstellung des Erzählers ab (Sehepunkt). Zu Beginn des Freijahres 2021 geht die Geschichte so: 

Nach dem Abitur 1992 war ich im Kloster Benediktbeuern. In den stillen Nächten in der kleinen Kapelle des Aktionszentrums gab es drei Entscheidungen, von denen auch mein Tagebuch berichtet. 

a) Ich wollte Theologie studieren. Direkt nach den Einkehrtagen immatrikulierte ich daher an der Fakultät der katholischen Theologie in Regensburg. Inzwischen bin ich Doktor der Theologie. b) Ich wollte die neuen Bundesländer kennenlernen. Nach der Immatrikulation reiste ich daher nach Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt.  Es folgten viele Stationen im Westen. Doch inzwischen lebe ich in Leipzig.

c) Ich wollte die Berufung zum Priester prüfen, von der meine Tagebücher schon mehrere Jahre sprach. Ich trat 1992 ins Priesterseminar ein und verabschiedete mich 1995 wieder. Inzwischen bin ich verwitwet, werde nicht wieder heiraten und blicke noch einmal auf jene zwei Wochen im Jahr 1992. Es ist nicht immer leicht, im Meer der Worte die Bedeutung jener Schlüsselmomente zu erkennen, die unserem Leben Farbe und Ausrichtung geben. Auch Therese von Lisieux fühlte sich berufen, Priester zu werden.  Johannes Paul II hat die Diskussion zum Frauenpriestertum für beendet erklärt. Derselbe Papst hat Therese zur Kirchenlehrerin ernannt. Die französische Heilige schaffte das Kunststück, im Herzen der Kirche  ihrer Berufung treu zu bleiben ohne sie aufzugeben. 

Institutionen sind mit ihren Regeln nicht immer hilfreich, sondern oft träge und hinderlich.  Intuitionen gehen oft in die Irre. Und Gottes Stimme verwechseln wir doch recht leicht mit unseren eigenen Wünschen und Vorstellungen. Was will ich und was will ich im Innersten? Was muss ich tun, weil ich nicht anders kann? Was ist meine Berufung, der ich folgen muss?

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