Das unglaubwürdige Zeugnis der Christen

Das Wunder der Ökumene

Während meiner Zeit in Wien 1995 begann ich, die verschiedenen christlichen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften zu besuchen. Auch heute sind mir in Leipzig ökumenische Kontakte wichtig und wertvoll. 

Ich war und bin beeindruckt von der Vielfalt der Glaubensformen und Zugänge zum christlichen Bekenntnis. Ich bin froh, dass meine römisch-katholische Kirche Teil der ökumenischen Bewegung geworden ist. Das ist nicht selbstverständlich, wenn man auf Geschichte und das dogmatische Selbstbewusstsein der Kirche blickt. 

1998 war ich als Student in der Graduate School of Ecumenical Studies. In dieser Zeit entstanden wichtige Kontakte, die mich mit Christen in der ganzen Welt verbinden. Katholische Studenten nahmen hier lange vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil teil. 

Wer sich auf die Begegnung mit anderen einlässt, wird selbst verändert. Begegnung ist nicht immer harmonisch und leicht. Begegnung erfordert Arbeit. Es ist leichter, den anderen und seine Überzeugungen zu verurteilen als an die Quellen zu gehen, die den anderen Nahrung geben. Christen erleben beim Gang an ihre Quelle, dass sie auch nach zwei Jahrtausenden mehr verbindet als trennt. Es gibt in der Suche nach einem gemeinsamen Zeugnis vor der Welt immer wieder Rückschläge und Frustrationen. Aber nach Jahrhunderten der Entfremdung ist doch das Wunder der Ökumene nicht zu unterschätzen.  Jesu Testament verpflichtet dazu, Wege zueinander zu finden, weil Christen nicht glaubwürdig die Liebe zum Feind verkünden können, wenn sie nicht eine gemeinsame Sprache mit dem finden, der im gemeinsamen Glauben verbunden ist.  

Die Gebetswoche für die Einheit der Christen sucht nach der gemeinsamen Quelle im Lesen der Bibel, dem Urdokument aller Christen, die den einen Gott bekennen, der Beziehung ist und Beziehung schenkt. Folgende Texte stammen aus Grandchamp, ein ökumenisches Kloster in der Schweiz, das ich 1998 besuchte: 

Wachsende Einheit

„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben“

(Johannes 15,5a)

 

1 Korinther 1,10-13.3,21-23   „Ist denn Christus zerteilt?“

Johannes 17,20-23                   „Wie wir eins sind“

 

 

Reflexion

Am Abend vor seinem Tod betete Jesus für die Einheit derer, die der Vater ihm gegeben hatte: „Alle sollen eins sein ... damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast.“ Weil wir mit ihm verbunden sind wie die Zweige eines Weinstocks, fließt seine Kraft auch durch uns und gibt uns Leben.

Jede Kirche hat das Ziel, uns in die Mitte unseres Glaubens zu führen: die Gemeinschaft mit Gott durch Christus im Heiligen Geist. Je intensiver wir diese Gemeinschaft leben, umso enger sind wir mit anderen Christen und mit der ganzen Menschheit verbunden. Paulus warnt uns vor einer Haltung, die schon die Einheit der ersten Christen bedrohte: die Verabsolutierung der eigenen Tradition auf Kosten der Einheit des Leibes Christi. Dann trennen uns Unterschiede, anstatt uns zu bereichern. Paulus hatte eine umfassende Vision: „alles gehört euch; ihr aber gehört Christus und Christus gehört Gott“ (1 Kor 3,22f).

Der Wille Christi verpflichtet uns, auf dem Weg der Einheit und Versöhnung zu gehen. Und er verpflichtet uns dazu, uns seinem Gebet anzuschließen: „Alle sollen eins sein ... damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast.“ (Joh 17,21)

 

 

„Finde dich niemals ab mit dem Skandal der Trennung unter den Christen, die sich alle so leicht zur Nächstenliebe bekennen, aber zerspalten bleiben. Habe die Leidenschaft für die Einheit des Leibes Christi.“
Frère Roger, Die Quellen von Taizé, Taizé 1980, S. 17

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