Wo Wut und Liebe sich umarmen

Vom Saulus zum Paulus

Paulus kannte kein Mittelmaß. Er liebte sein Volk und war bereit, alles zu tun, um seinen Glauben zu verteidigen. Er verfolgte die Christen mit Leidenschaft und Überzeugung und setzte sich nach seiner Bekehrung mit gleicher Leidenschaft für die Christen ein.

Paulus selbst erinnert in seinem Brief an die Korinther daran, dass er früher die Christen verfolgte: "Denn ich bin der geringste der Apostel, der ich nicht würdig bin, ein Apostel genannt zu werden, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe." (1 Kor 15,9)

Die junge christliche Gemeinde war rasch Verfolgungen ausgesetzt. Mit Stephanus musste der erste glühende Anhänger des gekreuzigten Wanderpredigers Jesus sterben. Er hatte verkündet, dass Jesus zur Rechten Gottes sitzt. Das empörte fromme Juden. Unter ihnen war auch Saulus. Nein, er war kein Mitläufer, er war Mittäter: 

"Und als sie ihn aus der Stadt hinausgestoßen hatten, steinigten sie ihn. Und die Zeugen legten ihre Kleider ab zu den Füßen eines jungen Mannes mit Namen Saulus." (Apg 7,58)

Was Menschen nicht verstehen, was ihre Überzeugung gefährdet, muss beseitigt werden. Das Konzept übernahmen später auch  Christen - obwohl es der Lehre Jesu widerspricht. Es ist die Versuchung der Macht. Dabei ist in der Geschichte noch nie eine Überzeugung dadurch verschwunden, dass ihre Anhänger verfolgt wurden.

Die Apostelgeschichte lässt keinen Zweifel. Der spätere Völkerapostel war nicht nur Zuschauer: "Saulus aber verwüstete die Gemeinde, indem er der Reihe nach in die Häuser ging; und er schleppte sowohl Männer als auch Frauen fort und überlieferte sie ins Gefängnis." (Apg 8,3)

 Auch sein Weg nach Damaskus war von leidenschaftlichem Eifer geprägt. Er hatte sich von den zuständigen Behörden in Jerusalem extra die Erlaubnis geholt, auch dort die Anhänger des "Neuen Weges" festzunehmen und  vor Gericht zu stellen. 

Paulus beschreibt in seinem Brief seine Bekehrung als Erscheinung. (1 Kor 15,8) Die Apostelgeschichte berichtet von einem hellen Licht und einer Stimme. 

In Damaskus erfährt Hananias davon. Er ist Christ und hat den inneren Drang, zu Paulus zu gehen. Eigentlich hat er Angst davor. Es ist Wahnsinn, sich dem wütenden Verfolger auszuliefern. Doch er folgt der inneren Stimme. Und Paulus bekehrt sich. 

Aus dem einstigen Verfolger wird ein glühender Anhänger. Seine Schriften prägen die Geschichte der Christen. Selbst Petrus muss nach einem erbittertem Streit die Autorität und Berufung des Völkerapostels anerkennen (Gal 5).  

Trotzdem: das Verhältnis der beiden bleibt spannend. Den Fischer Petrus vom See, der von Jesus persönlich zum Felsen bestimmt wurde und den ausgebildeten Gelehrten Paulus, der sich auf eine Erscheinung des Auferstandenen beruft, trennen eigentlich Welten. Die theologischen Konfliktlinien sind im Neuen Testament deutlich zu erkennen. Gerade deshalb hängt an ihrer Einigung immer wieder die brüchige Einheit der ersten Christen. Darin können sie bis heute Vorbild sein.

Die Glaubwürdigkeit der Christen vor der Welt hängt daran, dass sie nicht unversöhnt in ihren Filterblasen hängenbleiben, sondern Wege zueinander und zu anderen suchen und finden.  Dann siegt im Widerstreit von Wut und Liebe am Ende die Liebe. 

 

 

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