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Vom Genießen

Momente für die Ewigkeit im Alltag

Am 22. Mai 2000 fand in Mainz meine erste Dialyse statt. Zuvor waren die Werte der Niere immer schlechter geworden. Das zeigte sich besonders bei einer Wanderung an einem Maiwochenende nahe Leipzig im Muldental. Ich war müde, unkonzentriert, stolperte oft, kam nicht gut voran. 

Die Dialyse ist die Nierenwäsche. Giftstoffe werden aus dem Blut gefiltert. Das Leben hängt von einer Maschine ab. Eigentlich hätte ich die Jahrtausendwende nicht erlebt. Doch Gott hat Menschen Weisheit und Wissen gegeben, um die Natur zu verstehen. Die Gesellschaft trug mein Leben und die Kosten, weil das Grundgesetz Leben schützt und erhält. Es ist Geschenk. Unverdient. Allein aus Gnade. Aber nicht abhängig vom Gnadenhandeln einzelner Personen. 

Ich bin gewohnt, dass mein Körper engere Grenzen setzt und weiß doch, dass andere noch mehr Einschränkungen verkraften müssen. In Augenblicken der Traurigkeit und der Einsamkeit fühle ich mich getragen, geschützt und begleitet. Und bin doch empört, dass so viele nicht geborgen, geschützt und begleitet sind. Diese Dialyse ist unerreichbar für viele Menschen in armen Ländern. Darf ich das einfach genießen? 

Viele Patienten an der Dialyse schienen es nicht zu genießen, sondern eher zu erleiden. Martina, meiner Frau, fiel auf, dass ich zumeist recht fröhlich an der Dialyse war, während andere griesgrämig ihre Zeit totgeschlagen haben. 

Ja, es ist ungerecht, dass viele Menschen in anderen Ländern diese Behandlung nicht bekommen können. In manchen Ländern wird die Behandlung ab einer bestimmten Altersgrenze nicht mehr bezahlt. 

Ich empfinde die Behandlung als ein Wunder. Ein bisschen, wie die Heiligungen im Neuen Testament. (Lk 17, 11 - 19) Da werden auch nicht alle Menschen geheilt. Manche sehen nur die Einschränkung. Manche gehen hin und zeigen, dass sie nun fit für den Arbeitsmarkt sind. Manche kehren zurück und danken, Schwestern, Pflegern und Ärzten, den Entwicklern der Maschinen und den Patienten, die am Beginn der Entwicklung hofften und doch sterben mussten. Und manche sehen das Zeichen der Weisjeit, das in die Welt gelegt ist und für mich auf Gott hinweist, den stillen, aber treuen Begleiter auf meiner Reise durch Raum und Zeit. 

Aber das ist meine Erfahrung. Nicht jeder kann und muss das teilen. Aber ich genieße das Geschenk des Lebens am Rande der Ewigkeit. Dass ich nun  schon im 50. Lebensjahr bin, macht mich ruhig und gelassen... besonders in Krisen und in traurigen Stunden. 

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