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Noah, das Riesengebirge und New York

Der vergessene Bund des Menschen

"Anna! Wo bist Du?" Ihre Mutter kommt mit der 16jährigen Antonia die Gangway hinunter. "Wir müssen uns dort im roten Gebäude registrieren. Hast Du Opa gesehen?" Ein alter Mann tritt hinzu. Unsicher blickt er sich um. Sein ganzes Leben hatte er im Riesengebirge verbracht. Auf dem Meer war er seekrank geworden. "Ignaz? Geht es Dir gut?" Besorgt sah sie ihren Schwiegervater an. Der reagiert nicht, sondern blickt auf Clinton Castle. 

Noah hatte überlebt. Eine gewaltige Flut hatte alles Leben vernichtet. Noah fühlte sich besonders geschützt. Frühzeitig hatte er erkannt, dass es sinnvoll wäre, eine Arche zu bauen. Mit ihm retteten sich seine Familie und einige Tiere. Nun aber ließ der Regen nach und ein Regenbogen verhieß die Hoffnung, dass es nie mehr so schlimm kommen würde. 

Es ist die Urhoffnung nach allen Katastrophen der Weltgeschichte. Gläubige, die überlebten, fühlten sich manchmal besonders geschützt. Gleichzeitig trauerten sie um Verwandte und Freunde, die gestorben waren, Wie konnte Gott das zulassen? Man klammerte sich an den Glauben und verstand doch nicht den Sinn. 

Antonia war gerade 16 Jahre alt geworden. Nach vielen Tagen auf dem Atlantik sah sie endlich Land. Vor ihren Augen öffnete sich die Neue Welt. Das Riesengebirge würde sie nie mehr sehen. 1882 kam sie an. Die USA waren ein junger Staat, auf den sich viele Hoffnungen richteten. Ab 1880 kamen vermehrt Menschen aus Süd- und Osteuropa. Manche, die schon länger da warem, blickten misstrauisch auf jene, die da neu kamen. Den neuen Zuwanderern ging der Ruf voraus, nicht assimilierungswillig und generell unfähig zu sein, die amerikanische Welt zu verstehen. Es wurden Schreib- und Lesetests eingeführt. Ignaz war müde und erschöpft. Würde es hier besser werden als in Europa? Gab es eine Zukunft für seine Enkel?

Noah blickte in die Landschaft, die das Wasser freigab. Ein Regenbogen bildete sich an der Grenze des abziehenden Regens. So viele Menschen und Tiere sind tot. Wird es noch einmal so eine Katastrophe geben?

Nie wieder sollen alle Wesen aus Fleisch vom Wasser der Flut ausgerottet werden;

nie wieder soll eine Flut kommen und die Erde verderben. (Gen 9,11)

Die Hoffnung lässt den Menschen überleben. Wie viele Kriege und Naturkatastrophen haben Leben zerstört. Wie oft geht Geschichte unerwartet weiter? 

Antonia trat mit ihrer Mutter an den Tisch in Clinton Castle. Der Mann von der Einwanderungsbehörde blickte kaum auf. "Sind jetzt alle da?", fragte er mürrisch. "Sie sind Ignaz Kneitschel?" "Ja", reagierte die Mutter von Anna und Antonia rasch. "Ignaz Kneitschel, 72, aus Bohemia und ich bin Maria, 46." Der Beamte sah auf. "Knaitschel" wiederholte er. Antonia blickte ihn streng an: "Nein, Kneitschel. Ich bin Antonia, 16 und das sind..." Der Mann unterbrach: "Moment, die Seite ist zu Ende." Anna mischte sich ein: "Dann muss jetzt mein Name da hin: Anna Kneitschel, 13. Und das sind meine Geschwister Franz 8 und Alois 4." Ein Lächeln huschte über das Gesicht des Schreibers: "Dann achte gut auch sie. Willkommen in der Neuen Welt!".  Verstohlen wischte sich Ignaz eine Träne aus dem Gesicht. 

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