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Das göttliche Gesetz im Herzen

Gedanken zu Jeremia 31

Im Allgemeinen wird das Grundgesetz nicht als göttliches Gesetz bezeichnet. Wir sind ja kein Gottesstaat und eine Staatsreligion gibt es auch nicht. Das Grundgesetz garantiert dem Glaubenden freie Religionsausübung und dem Ungläubigen, seine eigenen Wege zu gehen. Die Gewaltenteilung garantiert, dass Macht begrenzt und kontrolliert wird. Unabhängige Richter unterstehen allein dem Gesetz. (Da könnte noch etwas nachgebessert werden, um die Unabhängigkeit wirklich zu garantieren) Und eine freie Presse ermöglicht, Skandale aufzudecken, die ansonsten unentdeckt bleiben würden - auch in kirchlichen Institutionen (auch wenn manchmal die Schnelligkeit gründliche Recherche verhindert, was ein eigenes Thema ist)

Artikel 1. (1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. (2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.

Die wichtigsten Bestimmungen des Grundgesetzes sind als Ewigkeitsklausel formuliert. Sie dürften auch durch Mehrheitsbeschluß nicht aufgehoben werden. Das Konzept der wehrhaften Demokratie soll verhindern, dass Verfassungsfeinde dem Menschen die Würde und Freiheit nehmen, die das Grundgesetz garantiert. Beim Umgang mit Verfassungsfeinden erweist sich das Verfassungsgericht freilich manchmal als sehr langmütig. 

Der neue Bund, den ich dann mit dem Volk Israel schließe, wird ganz anders aussehen: Ich schreibe mein Gesetz in ihr Herz, es soll ihr ganzes Denken und Handeln bestimmen. (Jer 31,33) 

Das ist ein Gesetz im Herzen der Menschen. Ein Gesetz, das nicht von Mächtigen erlassen wird und nur denen verständlich ist, die in der weltlichen oder kirchlichen Hierarchie bis an die Spitze gelangt sind. Das ist kein Gesetz, das sich hinter Gott versteckt, um dabei stehen zu bleiben, dass man keine Vollmacht habe, Menschen zu segnen, die sich als gleichberechtigtes Paar dem anderen in Liebe zuwenden. 

Ich, der HERR, habe die Sonne dazu bestimmt, den Tag zu erhellen, den Mond und die Sterne, damit sie nachts leuchten. Sie alle folgen einer festen Ordnung. Ich wühle das Meer auf und lasse seine Wellen tosen. ›Der HERR, der allmächtige Gott‹ – so lautet mein Name! (Jer 31,35)

Seltsam. Über Jahrhunderte hat die Kirche kein Problem damit gehabt, in Königreichen und Ständegesellschaften Gottes Spuren zu finden. Sie hat den liturgischen Jahreskreis und die eigenen Strukturen den weltlichen Systemen angeglichen und ihre Machthaber gestützt. 

Langsam aber reift die Erkenntnis, dass es auch in der katholischen Kirche Sinn macht, Macht zu teilen. Nicht, weil es halt die Demokratien so wollen, sondern weil es ins menschliche Herz eingeschrieben ist, dass wir Geschwister sind. Langsam reift die Erkenntnis, dass Gleichberechtigung und gleicher Zugang zu allen Berufen nicht nur im Grundgesetz garantiert, sondern göttliches Gesetz sind. (Hier bleibt gerade beim Zugang zur Priesterweihe für Frauen Diskussionsbedarf)

Und ja, auch das muss ich sagen: es wäre verfehlt und irreführend, bei der Verbindung von zwei Menschen nur auf den Körper zu sehen, aber zu übersehen, dass es eigentlich die liebevolle Hinwendung zum Du und zur nächsten Generation sein sollte, die wir segnen. Sonst dürften wir keine Paare segnen, die zeugungsunfähig sind...

Wir wissen ja, dass die ganze Schöpfung zusammen seufzt und insgesamt in Wehen liegt bis jetzt, schreibt Paulus an die Römer (Röm 8,22) Alle Reiche und Herrschaftsformen sind vorläufig. Wir tasten uns voran, um miteinander die Stadt und die Welt so zu gestalten, dass sie auch in Zukunft Menschen eine Heimat sein kann.  Nach wie vor gilt der Ausspruch des englischen Staatsmannes Winston Churchill vom 11. November 1947 bei einer Rede im Unterhaus: „Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen - abgesehen von all den anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind.“ Oder, mit einem Demokratieforscher formuliert, „die zweitbeste Demokratie ist immer noch besser als die beste Nicht-Demokratie". Die Demokratie mag nur als das kleinere Übel angesehen werden, vereint aber andererseits so viele Vorteile auf sich, dass sie als die beste bekannte Herrschaftsform bezeichnet werden kann.

Jesus greift den Gedanken des Gesetzes im Herzen auf. Er betont, dass seine Jünger sich als Geschwister sehen sollen. In seiner Kritik an den Gesetzeslehrern könnten sich auch manche kirchliche Leitungspersonen wiederentdecken: 

Auf dem Stuhl des Mose sitzen die Schriftgelehrten und die Pharisäer. 3 Tut und befolgt also alles, was sie euch sagen, aber richtet euch nicht nach ihren Taten; denn sie reden nur, tun es aber nicht. 4 Sie schnüren schwere und unerträgliche Lasten zusammen und legen sie den Menschen auf die Schultern, selber aber wollen sie keinen Finger rühren, um die Lasten zu bewegen. Alles, was sie tun, tun sie, um von den Menschen gesehen zu werden: Sie machen ihre Gebetsriemen breit und die Quasten an ihren Gewändern lang, 6 sie lieben den Ehrenplatz bei den Gastmählern und die Ehrensitze in den Synagogen 7 und wenn man sie auf den Marktplätzen grüßt und die Leute sie Rabbi nennen. 8 Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn nur einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder.  (Mt 23, 2 - 8)

Die Rolle der Jünger Jesu ist nirgends so schön vorgestellt wie in Joh 12,21: Da gab es die Menschen aus Griechenland. Sie wollten Jesus sprechen. Zunächst wandten sie sich an Philippus. Der geht zu Andreas. Und Andreas geht mit Philippus zu Jesus. 

Das weitere Geschehen hängt allein an Jesus. Er selbst erklärt, wie er sich Nachfolge vorstellt: 

Wer sein Leben liebt,
verliert es;
wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet,
wird es bewahren bis ins ewige Leben.

 

Alles, was zählt, kann man nicht zählen. Indem ich mich auf ein Du einlasse und mich selbst nicht so wichtig nehme, finde ich das Innerste, wonach ich suche. Meine eigentliche Bestimmung. Das eine Herz sehnt sich nach mehr...und in Gott allein kommt meine Seele zur Ruhe. 

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