Ostergruß 2021

Am Ende ein neuer Anfang

Die Frau am Telefon war etwas überfordert: "Sie möchten nach der Beerdigung einen Gottesdienst in der Michaeliskirche feiern?" "Ja natürlich", erwiderte ich mich dem Selbstbewusstsein des promovierten Theologen. "Aber nach der Beerdigung ist doch Schluss." wagte sie zu widersprechen. Sachlich war das richtig. Üblicherweise gibt es zuvor ein Requiem. Danach gibt es höchstens noch Kaffee. Doch ich hatte mich etwas in meine Idee hineingesteigert und feuerte einen giftigen Pfeil ab: "Also, dass mir in einer christlichen Pfarrei erzählt wird, mit dem Tod sei alles aus, überrascht mich doch jetzt sehr." Das hatte sie nun so nicht gesagt, trotzdem war sie getroffen. Nun war ihr natürlich klar, dass gerade erst meine Frau gestorben war und so bemühte sie sich, das Gespräch auf die Sachebene zurückzuführen: "Was hatten sie denn im Gottesdienst geplant?" Darauf war ich vorbereitet: "Ich wollte erklären, dass für mich das Eheversprechen über den Tod hinaus gilt." Wieder war sie etwas perplex: "Und wenn Sie sich wieder verlieben?" Noch einmal schoß ich einen vergifteten Pfeil ab:"Fragen Sie das auch Paare, die in Ihrer Kirche heiraten wollen?"

Ostern 2020. Corona hatte Deutschland fest im Griff. In Rom stand Papst Franziskus am Höhepunkt der ersten Welle auf dem leeren Petersplatz. Vielleicht war die katholische Kirche als Institution in diesem Moment so nahe am Wunder ihrer Gründung wie seit Jahrhunderten nicht mehr. 

Ostern 2020 Corona kam noch dazu. Am 7. Januar 2020, wenige Wochen vorher, war Martina gestorben. Frisch war die Trauer bei ihrer Familie, ihren Kollegen am Landgericht, ihren Freunden und bei mir. 

Ostern 2020 entstanden zwei Videos. Das erste war von Trauer geprägt. Es entstand in der Karwoche. Das zweite betont die österliche Hoffnung. 

Das Ostervideo, das hier am Beginn des aktuellen Blogs eingebunden ist, erzählt die Geschichte der Frauen am Grab und es berichtet am Ende vom Unglauben der Jünger. (Lk 24, 1 - 11) 

Kurz nach Martinas Tod hätte ich am liebsten den Karfreitag und die Spannung des Karsamstags übersprungen. Doch es ist wichtig, den ganzen Weg zu gehen. Die Trauer und die Tränen stehen am Beginn. Es braucht auch die Zeit der Wut, das Gefühl der Verlassenheit und der Leere. Also zurück zum Grab!

Zurück zu dem Leben, das am 7. Januar überraschend endete. Im Video der Karwoche verknüpfte ich 2020 diesen Blick mit Bildern, die an den Beginn dieser Liebe in Würzburg führten. Der Zufall - oder das Schicksal - wollten es, dass Martina und ich 2019 noch ein letztes Mal jene Parkbank besuchten, die am Beginn unser Ja besiegelte. Die Erinnerung ist das Fenster, durch das ich Dich immer sehen kann.

Erinnerungen schaffen bleibende Gegenwart. Am Gründonnerstag und in jedem Gottesdienst erinnern Christen an jenen Abend, an dem Jesus das letzte Mal mit seinen Jüngern gegessen hat. Brot und Wein sind das Zeichen seiner realen Gegenwart. Brot und Wein verbinden uns mit jenen letzten Stunden, in denen Jesus seinen eigenen Weg konsequent zum Ende führte, aus dem Ostern ein neuer Anfang wurde. Es ist tragisch, dass die Erinnerung an Jesus weiterhin unversöhnt an getrennten Altären gefeiert wird, obwohl die ökumenische Bewegung so oft zur Erkenntnis führte, dass wir Geschwister im gemeinsamen Glauben sind!

In den Wochen nach Martinas Tod standen schöne und traurige Erinnerungen im Mittelpunkt des Gedenkens. Eine Sammlung von Texten und Bildern entstanden, die Teil eines intensiven Trauerweges wurden. 

Corona hat all diese Gefühle verstärkt und verschärft. Wer in dieser Zeit einen Menschen verloren hat, der empfand die Maßnahmen als zusätzliche Boten einer zusammenbrechenden Welt. Persönliches Schicksal und gesellschaftliches Drama in der Pandemie verstärkten sich gegenseitig. 

Das Ostervideo von 2020 verbindet Bilder aus Leipzig mit der Erfahrung der Frauen am Grab. Wer mit mir durch Leipzig geht, bekommt eine Stadtführung, die von Orten erzählt, an denen die Erinnerung an Martina lebendig wird. Der zentrale Bundesort von Martina und mir ist die Michaeliskirche am Nordplatz. Hier besiegelten wir unseren gemeinsamen Weg in Leipzig. Hier entstanden und entstehen Freundschaften, die ohne Martina so nie entstanden wären. 

Die Kirchen sind in der Krise. Nicht allein die katholische, auch die evangelische Kirche verliert Mitglieder. Vielleicht könnte Ostern helfen, noch einmal diese gemeinsame Quelle in den Blick zu nehmen. Ostern ist das eigentliche Hauptfest der Christen. Die Liturgie der Tage erzählt in dichter Sprache das Drama unserer Existenz, an deren Ende für uns alle zunächst einmal der Tod steht. Was wir der Welt geben könnten, ist die Erfahrung, dass die Liebe leibhaftig stärker ist als der Tod. Nicht immer machen die Christen den Eindruck, als hätten sie dies wirklich verstanden.  

Und wenn Sie sich verlieben? Dann würde jede Frau damit leben müssen, dass sie nicht allein in meinem Herzen ist, weil Martina dort ihren festen Platz hat. Denn der Tod beendet das Leben, aber nicht die Liebe! Die Liebe eines Paares aber ist immer darauf angelegt, in unterschiedlicher Weise auch weitergeschenkt zu werden. Darauf weist bereits das Eheversprechen hin. Liebe zu zweit ist nicht gemeinsamer Egoismus, sondern führt zum liebenden Blick auf andere. 

Nein, es kam nicht zu dem Gottesdienst und dem Versprechen in der Michaeliskirche. In ökumenischer Eintracht wurde mir abgeraten. Man soll keine langfristigen Entscheidungen treffen, wenn man gerade noch am Sterbebett eines Menschen stand. Und so will ich mich entschuldigen für die vergifteten Pfeile, die ich nach Martinas Tod abgefeuert habe. Was mich durch diese Krise getragen hat, war mein Glaube, der durch Träume und durch Freundschaften mitgetragen wurde. Manche Begegnung und Berührung  erlebte und erlebe ich als liebevollen Gruß von ihr. Und doch bleibt es schwer, Worte zu finden, um von den Spuren ihrer bleibenden Gegenwart zu erzählen. Vielleicht braucht es dazu mehr Zeit. Auch die Berichte von Jesu Auferstehung sind ja nicht sofort am Ostermorgen aufgeschrieben worden.  

Frohe Ostern! Der Herr ist auferstanden! Halleluja!