Das Böse in und um mir

Die Abgründe des Menschen

"Das darf der nicht. Hör sofort auf damit!" Der 10jährige schrie energisch den Täter an, der gerade sein Opfer quälte. Doch der machte weiter. Er konnte auch garnicht reagieren. Denn es handelte sich um einen Film im Fernseher. Was genau da geschah, weiß ich nicht mehr. Aber ich erinnere mich noch an meine Wut und Hilflosigkeit im Angesicht des Geschehens am Bildschirm. Hätte ich die Möglichkeit gehabt, hätte ich den Aggressor verprügelt. 

Im Jahr meiner Geburt 1971 gab es ein umstrittenes Experiment: das Stanford-Prison-Experiment. Es versucht zu zeigen, dass in einem bestimmten Rahmen Menschen zu Bestien werden. Simuliert wurde ein Gefängnis. Ein Teil der Freiwilligen wurde Wärter, ein anderer Gefangene. Die korrekte Durchführung sowie die Ergebnisse des Experiments werden heute bezweifelt. Auch die dahinter stehende Forschungsethik wird kontrovers diskutiert. In dem Kinofilm "Das Experiment" wurde 2001 die Geschichte überspitzt und mit tödlicher Konsequenz ausgemalt. 

Es gibt auch andere Experimente, die zeigen, wie schnell Menschen bereit sind, Macht auszuüben und verschiedene Formen von Gewalt auszuüben. Besonders bekannt ist der Roman "Die Welle". Dort wird von einem Lehrer erzählt, der seinen Schülern erklären will, wie Diktaturen entstehen. Er startet ein Experiment, das ausufert. Rasch finden seine Schüler Geschmack an den klaren einfachen Regeln. 

Hanna Arendt kam in einem Briefwechsel zur Erkenntnis, dass das Böse banal sei. Das war für sie die Lehre aus dem Prozess gegen Adolf Eichmann. Im Verantwortliche für die Deportation von Millionen Juden fand sie keinen Dämon, sondern einen durchschnittlichen, normalen Menschen. 

Der normale Mensch hinterfragt sein eigenes Handeln nicht tiefgründig. Er lebt an der Oberfläche. Das Böse lauert in jedem von uns, weil jeder von uns zumeist unreflektiert handelt. Was bedeutet das für den Widerstand gegen das Böse?

Wir widerstehen ihm [dem Bösen], indem wir uns nicht von der Oberfläche der Dinge mitreißen lassen, indem wir innehalten und anfangen, zu denken. [...] Anders gesagt, je oberflächlicher jemand ist, umso wahrscheinlicher wird er dem Bösen erliegen.“ (Hanna Arendt)