Gretchens Heimlich Grauen

Von Liebe und dem Dunklen im Du

Sie ahnt es. Gretchen ahnt, dass mit Mephisto irgend etwas nicht stimmt. Doch sie liebt Faust. Sie sehnt sich nach der Nähe von Faust, der sich trickreich in ihr Herz geschlichen hat. Doch da ist noch der andere: "Der Mensch, den Du da bei Dir hast, ist mir in tiefster Seel verhasst!"

Doktor Heinrich Faust: Der Gelehrte, der so viele Jahre an so vielen Fakultäten so vieles studiert hat ... und leider auch Theologie mit heißem Bemühen ... war lange Zeit frustriert. Er hatte viel gelernt und konnte viel Wissen weitergeben. Aber was die Welt im Innersten zusammenhält, entzieht sich seiner Kenntnis. Wissen machte ihn nicht glücklich. Nun folgt er der Magie und stellt sein Gefühl und sein Ego über alles und alle. 

So lässt er sich auf einen Pakt mit Mephisto ein.  

Der Begegnung mit Gretchen gehen kosmetische Veränderungen voraus. Der Mann, dem sein Dasein und sein Körper verhasst ist, gibt sich eine jugendlichere Erscheinung. Mephisto gönnt ihm eine Verwandlung. Erstaunlich ehrlich kommt dazu eine Warnung: "Setz Dir Perücken auf von Millionen Locken, stell deinen Fuß auf ellenhohe Socken, Du bleibst doch immer, was Du bist."

Faust verliebt sich in Gretchen. Eine Katastrophe für den armen Teufel, der bekennt, dass er keinen Einfluß auf sie hat. Und so muss Faust um sie werben. Mit Erfolg. Gretchen verliebt sich auch. Doch sie wird nicht dauerhaft blind vor Liebe. Sie erkennt das Gute in ihm, sieht aber auch wachsam, unter welchem Einfluß er steht. 

Wer liebt, entdeckt im anderen wertvolles, einzigartiges. In der Verliebtheit ignorieren wir zunächst alles andere. Den Fall der Susanna Margareta Brandt, die 1772 wegen Kindstötung hingerichtet wurde, nachdem sie unehelich schwanger wurde und aus Panik vor gesellschaftlicher Ächtung ihr Kind getötet und verstümmelt hat, nahm sich Goethe zur Vorlage der Gretchen-Handlung.

Was Goethe vom damaligen Todesurteil hielt, macht das Ende von Faust, der Tragödie erster Teil, deutlich. Im Tode von Gretchen scheint zunächst Mephisto bestätigt: Sie ist gerichtet! bemerkt er mit höhnischem Grinsen. Doch eine Stimme reagiert: "... ist gerettet." 

Das Lukasevangelium überliefert eine Szene, in der eine Frau, die als Sünderin gilt, Jesus liebevoll mit Öl die Füße salbt. Die Vertreter der Religion kritisieren Jesus. Wie kann er sich von ihr berühren lassen? Doch Jesus sieht, dass sie aus Liebe handelt: 

"Derhalben sage ich dir: Ihr sind viele Sünden vergeben, denn sie hat viel geliebt!" (Lk  7,47)

Die Tradition sieht in jener Frau Maria Magdalena. Jene Frau, die nach dem Tod Jesu den Jüngern verkündet, dass Jesus auferstanden ist. Die Jünger glauben nicht. Und bis ins 20. Jahrhundert sah Kirche und Gesellschaft in ihr vor allem die Sünderin. Es lohnt sich, genauer hinzuschauen. Dann zeigt sich nämlich, dass sie Jesu Botschaft besser verstanden hatte als die Apostel.  Der Mensch schaut auf das äußerlich sichtbare, Gott auf das Herz. (1 Sam 16,7)

Die Rockoper Faust habe ich 2018 in Auerbachs Keller mit Martina gesehen. Es ist eine gelungene Version des klassischen Werkes, das Goethe durch seine Biographie begleitet und geformt hat.

Das Gartenhaus von Goethe in Weimar