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Kurzgedanken zur Krise der Kirche (3)

Der Keim der Hoffnung

Manchmal hätten wir gerne irgendetwas, das bleibt! Manchmal wäre es schon, sich auf irgendetwas oder irgendjemand verlassen zu können. Irgendwie aber scheint oft alles unbeständig. Hoffnung und Glück halten nur kurz und zerrinnen zwischen den Fingern. Wie oft dachte ich, angekommen zu sein, um dann neu in neue Unsicherheit geworfen zu werden? Und wie oft enttäuschen Menschen und  Institutionen? Wie oft enttäuschte auch ich andere, weil ich Erwartungen nicht erfüllen konnte oder wollte? Wie oft waren andere blind für Nöte meiner Familie? Wie oft war ich selbst blind, wenn andere mich gebraucht hätten?

Viele Menschen wenden sich gerade von der katholischen Kirche ab. Dafür habe ich Verständnis. Aber auch evangelische Gemeinden verlieren Mitglieder. Das Ideal der christlichen Botschaft wird zu oft nicht mehr glaubwürdig vermittelt. Die Kirche sei an einem toten Punkt, schreibt Kardinal Marx. 

„Im Kern geht es für mich darum, Mitverantwortung zu tragen für die Katastrophe des sexuellen Missbrauchs durch Amtsträger der Kirche in den vergangenen Jahrzehnten“  Ein Kardinal bietet seinen Rücktritt an. Es war der vorläufige Höhepunkt einer Krise, die Glaubwürdigkeit und Vertrauen der Kirche als Institution erschütterte.  Der Kardinal spricht von einem toten Punkt, an den die Kirche gekommen ist. Tatsächlich ist Kirche im Verlauf der Jahrhunderte immer wieder ihrem Ideal untreu geworden. Es ist eine Geschichte der Gewalt und der Spaltungen. Aber es ist auch eine Geschichte vieler Gruppen und Einzelpersonen, die nicht aufgaben, ihren Glauben und damit die Gemeinschaft zu erneuern. Die Botschaft geht nicht unter. Auch wenn die Institution immer neu versagt. 

In seinem recht raschen Antwortschreiben bestätigt Papst Franziskus die Analyse und bittet Kardinal Marx, im Amt zu bleiben. 

Ich stimme Dir zu, dass wir es mit einer Katastrophe zu tun haben: der traurigen Geschichte des sexuellen Missbrauchs und der Weise, wie die Kirche damit bis vor Kurzem umgegangen ist. Sich der Heuchelei in der Art, den Glauben zu leben, bewusst zu werden, ist eine Gnade und ein erster Schritt, den wir gehen müssen. Wir müssen für die Geschichte Verantwortung übernehmen, sowohl als einzelner als auch in Gemeinschaft. Angesichts dieses Verbrechens können wir nicht gleichgültig bleiben. Das anzunehmen bedeutet, sich der Krise auszusetzen.

In ihrer langen Geschichte haben christliche Gemeinschaften oft im Widerspruch zu ihrem eigenen Ideal gehandelt. Die verschiedenen Spaltungen sind Ausdruck der Unfähigkeit, das hohe Erbe Jesu durchgehend in allen Zweigen dieses großen Baumes der Ökumene zu leben. Die Spaltungen erfolgten "oft nicht ohne Schuld der Menschen auf beiden Seiten", schreiben die Konzilsväter in Unitatis Redintegratio. 

Die Ökumenische Bewegung ist aus dem Bewusstsein entstanden, dass Kirche dann glaubwürdig ist, wenn sie gemeinsam versucht, Gottes Wort tiefer zu verstehen und individuell und gemeinschaftlich umzusetzen. Gemeinsam entdeckte man, wo Gott in den anderen Gemeinschaften wirkt. Gemeinsam lernten die Christen, die gemeinsame Mitte zu betonen. Es gibt vielfältige Dokumente, die betonen, wo wir gemeinsame Wurzeln haben. 

Der Verlust an Vertrauen trifft in Deutschland nicht allein die katholische Kirche. Auch die evangelische Kirche ist mitbetroffen. Es gibt eine Tendenz bei Institutionen, lieber den eigenen Ruf als Opfer zu schützen. Diese Tendenz schlägt besonders bei großen Institutionen mit klaren Werten und Normen zu. Papst Franziskus analysiert in seinem starken Antwortschreiben dieses Problem:

Du sagst in Deinem Brief zu Recht, dass es uns nichts hilft, die Vergangenheit zu begraben. Das Schweigen, die Unterlassungen, das übertriebene Gewicht, das dem Ansehen der Institutionen eingeräumt wurde – all das führt nur zum persönlichen und geschichtlichen Fiasko; es führt uns dazu, dass wir mit der Last leben, - wie die Redewendung sagt – „Skelette im Schrank zu haben“.

Es ist wichtig, die Realität des Missbrauchs und der Weise, wie die Kirche damit umgegangen ist, zu „ventilieren“ und zuzulassen, dass der Geist uns in die Wüste der Trostlosigkeit führt, zum Kreuz und zur Auferstehung. Es ist der Weg des Geistes, dem wir folgen müssen, und der Ausganspunkt ist das demütige Bekenntnis: Wir haben Fehler gemacht, wir haben gesündigt. Es sind nicht die Untersuchungen, die uns retten werden, und auch nicht die Macht der Institutionen. Uns wird nicht das Prestige unserer Kirche retten, die dazu neigt, ihre Sünden zu verheimliche. Uns wird nicht die Macht des Geldes retten und auch nicht die Meinung der Medien (oft sind wir von ihnen allzu abhängig). Was uns retten wird, ist: die Tür zu öffnen für den Einen, der allein uns retten kann, und unsere Nacktheit zu bekennen: „ich habe gesündigt“, „wir haben gesündigt“ – und zu weinen, und zu stammeln, so gut wir können: „Geh weg von mir, denn ich bin ein Sünder“, ein Vermächtnis, das der erste Papst den Päpsten und Bischöfen der Kirche hinterlassen hat. Dann werden wir jene heilsame Scham empfinden, die die Türen öffnen wird zu jenem Mitleid und jener Zärtlichkeit des Herrn, die uns immer nah sind. Als Kirche müssen wir um die Gnade der Scham bitten, damit der Herr uns davor bewahrt, die schamlose Dirne aus Ezechiel 16 zu sein.

Es wird viele Jahrhunderte dauern, die gordischen Knoten zu lösen, die Menschen in ihrer Blindheit  geknüpft haben. In den nächsten Monaten wird es in Gesprächen im Bistum darum gehen, wo mein Platz ist, um im Rahmen meiner Möglichkeit meinen Beitrag zur Erneuerung der Kirche und zur ökumenischen Versöhnung  zu leisten. 

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