Zwischen Katastrophe und Neustart

Liebe Besucher!

Am Vorabend meines 49. Geburtstags möchte ich gerne einen Gruß an alle hinterlassen, die in den Monaten nach Martinas Tod meinen Weg kreuzten und mir halfen, aufzustehen und weiterzugehen. Nicht immer sind Begegnungen gelungen. Manchmal waren Erwartungen da, die ich nicht erfüllen konnte oder wollte.Manchmal waren Befürchtungen da, die ich nicht nachvollziehen konnte. Und manche haben verstanden, welche Form der Wegbegleitung ich mir wünsche und welche Form ich geben kann.

Und mehr als einmal begegneten mir Engel. Vielen Dank an dieser Stelle an den Autor des Hebräerbriefes, der mir besonders empfahl, Gäste aufzunehmen:

«Vergesst die Gastfreundschaft nicht, denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt.» (Hebr 13,2)»   

 

Stimmt!

 

Nein, die Trauer ist nicht vorbei und die Leerstelle wird bleiben, trotz ermutigender Träume. Ich vermisse Martina. Und auch ihre beiden Söhne, die wir adoptiert haben und die wir beide lieben, vermissen ihre Mama. Für beide wird jetzt erst sichtbar, wie stark und unerschütterlich ihre Liebe auch in Krisen war. Für beide bleibe ich verantwortlich. Und so hat der Tod nicht das letzte Wort. Die Liebe ist stärker als der Tod. In der Frage des Ehesakraments habe ich schon seit meinem Studium starke Sympathie für die orthodoxe Theologie, die die Ehe eben nicht für aufgelöst hält, wenn der Ehepartner tot ist. Gott ist die Liebe und belässt den geliebten Menschen nicht im Tod. Das glaubt auch der Katholik. Und auch die evangelische Kirche teilt diese Überzeugung im gemeinsamen Glaubensbekenntnis. 

Trotzdem wäre die erneute Heirat möglich. Es wäre aber auch möglich, bewusst auf eine neue Ehe zu verzichten. Welchen Weg ich aktuell  favorisiere, ist vielleicht deutlich geworden. Welchen Weg ich gehe, wird Thema des Freijahres sein. Damit berücksichtige ich den klugen Rat vieler, die mit Recht darauf hinweisen, dass in der Krise keine weitreichenden Entscheidungen getroffen werden sollen. Jahr der Entscheidung ist 2021.

Diese Homepage wurde in den ersten Monaten des Jahres zum Gedenkort für Martina, weil die öffentliche Gedenkfeier nicht möglich war. Ich weiß, dass für viele, die in dieser Zeit einen lieben Menschen verloren, Corona wie die logische Fortsetzung der individuellen Katastrophe erschien.

Für mich war es Gelegenheit, eine erste Entscheidung zu treffen. Das Sabbatjahr 2021 soll Zeit bringen, das nächste Kapitel meines Lebens vorzubereiten. Dazu wird es Zeiten geben, in  denen ich mich in die Stille zurückziehe. Ich werde viel lesen, besonders die Bibel als das Buch, in dem sich viele Urerfahrungen der Menschheit verdichten. Ich werde von dem schreiben, was ich studiert und praktisch durchlebt habe: katholische Theologie. Ich werde mich inspirieren lassen durch Begegnungen, und mit hörendem Herzen darauf achten, welche Rolle sie auf meinem Weg spielen werden.

Bewusst werde ich mich auch durch Menschen begleiten lassen, die andere Überzeugungen haben. Auf der Suche nach dem eigenen Weg ist die Außenperspektive wichtig, um zu wissen, ob die eigene Überzeugung tragfeste Wurzeln hat und Kritik verträgt. Und ich werde von meinen Erfahrungen erzählen, soweit sie Öffentlichkeit vertragen. Manches steht zunächst nur im Tagebuch. Manches erzähle ich lieber im direkten Kontakt. Derjenigen, die das liest, möchte ich mit auf den Weg geben: es sind meine Erfahrungen, nicht Deine, Prüfe also kritisch, was für Dich passt auf Deinem Weg zu Deinem Ziel.

Ich schreibe das unter dem Eindruck der Veranstaltung "Gefährliche Seelenführer", die am 12./13. November 2020 aus der Propstei Leipzig online übertragen wurde. Da  ging es um Fehlformen geistlicher Begleitung. Es ging um geistigen und geistlichen Missbrauch. Es war und ist mir wichtig, Menschen so zu begleiten, dass sie ihren eigenen Weg konsequent und in freier Selbstbestimmung gehen.

Indem ich in den kommenden Wochen und Monaten von der Hoffnung erzähle, die mich durch Krisen getragen hat, übernehme ich offen Verantwortung für meinen Weg, Wer das nun liest, ist aufgefordert, selbstbestimmt einen eigenen Weg zu finden. Es gab auf der Basis meiner Texte bereits sehr schöne Gespräche, die auch mich auf meinem Weg weiterführten. Als Theologe suche ich Gottes Spuren, bin aber immer neu Lernender, der letztlich erst im Tod verstehen wird, was das alles bedeuten soll.

Ich freue mich auf weitere Begegnungen und wünsche uns allen alles Gute auf der Lebensreise zu dem Ziel, das für mich mit dem Begriff Gott unlösbar verbunden ist.

 

Ernst-Ulrich Kneitschel

0178 159 66 79

info(at)kneitschel-leipzig.de

 

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