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Kurzgedanken zur Krise der Kirche (2)

Dialog mit dem kindlichen ICH

EUK (9): Du wirkst traurig. Was ist geschehen?

Dr. Kneitschel (49) Ich wäre gerne wieder 9 Jahre und unbeschwert fröhlich.

EUK (9) Vielleicht solltest Du mal wieder Deine alten Tagebücher lesen. So lustig war mein Alltag nicht. Weißt Du nichts mehr von meiner Einsamkeit in Schule und Krankenhaus?

Dr. Kneitschel Doch ja. Aber ich habe gerade das Bild der Erstkommunion gesehen. Da wirkst Du richtig verklärt. 

EUK Stimmt. Das war ein schöner Tag. Jesus war ganz nah. 

Dr. Kneitschel Ich möchte noch einmal so naiv sein. 

EUK Glaubst Du etwa nicht mehr?

Dr. Kneitschel Doch. Der Glaube hat mir immer wieder Halt und Kraft gegeben.  Aber die Christen sind unglaubwürdig.

EUK Erinnerst Du Dich noch an den monatlichen Rosenkranz mit Papa? 

Dr. Kneitschel Ja. Danach hattest Du immer Tagebuch geschrieben. 

EUK Papa war immer ein glaubwürdiger Christ. 

Dr. Kneitschel Stimmt. Aber auch er hat immer etwas Distanz zur Kirche gehalten. 

EUK Er war doch jeden Sonntag in der Kirche und Pater Adalbert war regelmäßig zu Besuch. 

Dr. Kneitschel Schon. Aber er wollte nie, dass seine Kinder in eine kirchliche Schule gehen. 

EUK Ja. Aber ich würde gerne Ministrant werden.  Aber das geht ja nicht. Wir wohnen so weit weg von der Pfarrei. 

Dr. Kneitschel Das habe ich dann nach dem Abitur nachgeholt. 

EUK Bist Du eigentlich Priester geworden?

Dr. Kneitschel Nein, aber ich habe Theologie studiert. 

EUK Dann weißt Du jetzt alles über Gott

Dr. Kneitschel Nein. Ich bleibe mein Leben lang Student. 

EUK Ach. Du hast das Studium nicht abgeschlossen?

Dr. Kneitschel: Doch. Ich habe sogar promoviert. 

EUK: Verstehe ich nicht. Weißt Du, welches Lied ich besonders mag?

Dr. Kneitschel: Klar. Schubert, Wohin soll ich mich wenden...

 

 

EUK Ich muss da immer daran denken,  wie wir Fronleichnam durch die Stadt gezogen sind mit den Blumen und Fahnen und bunten Gewändern der Priester und Ministranten. Die ganze Altstadt erfüllt von katholischer Pracht. Da ist alles vergessen, was mich bedrückt. Und ich merke, es berührt Dich immer noch ganz tief. 

Dr. Kneitschel Mhm. Und alles vergessen, was andere bedrückt. Eine schöne Fassade, hinter der sich manches Leid verbirgt. Möchtest Du wissen, was mein Lieblingslied ist? 

EUK Papa hat immer gesagt, dass wir auf Christus schauen sollen. Er hatte einen recht realistischen Blick auf die Welt und die Vertreter der Kirche. Erinnerst Du Dich nicht daran: Die müssen verantworten, was sie tun. Ich muss das verantworten, was ich tue. Und er hat auch von Leid und Unrecht erzählt, das er als Vertriebener erlitten hat. Und doch wollte er, dass wir Versöhnung suchen. Die Knoten lösen braucht Zeit. 

Dr. Kneitschel Ich weiß. 

EUK Und wenn Du vielleicht doch mal wieder die alten Tagebücher liest, findest Du genug Kritik am Zustand der Kirche und der Christen. 

Dr. Kneitschel Ich weiß

EUK Du möchtest Dich am liebsten eingraben wie Jona. 

Dr. Kneitschel Der hat sich nicht eingegraben. Der ist geflohen.

EUK Das machst Du auch gerade.  

Dr. Kneitschel Du kennst mich zu gut. Das ist anstrengend. 

EUK Das mit dem Fliehen hat übrigens bei Jona nicht geklappt...

Dr. Kneitschel Wer hat denn Theologie studiert. Du oder ich?

EUK Gott studiert man nicht, man trägt ihn im Herzen. 

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