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Pfingsten 2021

Zum Geburtstag der Kirche

Manchmal sammeln sich viele Dinge an. Ich sammle sie in Boxen und hoffe, sie später wieder zu finden. Und manchmal sind es Dinge, die eher belasten als befreien. Ein Blick zurück, auf die Straßen meines Lebens. Ich bin in Regensburg aufgewachsen. Glauben war selbstverständlich. Doch irgendwann merkte ich den Unterschied zwischen der Präsenz religiöser Zeichen im Alltag und der Präsenz Gottes. Es kann passieren, dass die Wurzel verdorrt. Diese Wurzellosigkeit ist eine Chance. Sie hilft, neu danach zu suchen, was wirklich durch die Stürme dieses Lebens trägt.  

Jesus war tot. Jerusalem ging wieder seinem Alltag nach. Für die meisten, die ihm zuerst zujubelten, war die Sache erledigt. Der erhoffte politische Befreier war gekreuzigt. Rom blieb das Zentrum und das unterdrückte Volk hatte umsonst auf Rettung gehofft. 

Mitten in diese Situation gibt es plötzlich eine Gruppe von Menschen, die daran glauben, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Sie erzählen mit Begeisterung und Leidenschaft in vielen Sprachen davon, dass mit Jesus Christus etwas Neues begonnen hat. 

Das ist Pfingsten. Das ist die Geburtsstunde der Kirche. 

Heute scheint die Botschaft, die einst Menschen zu mutigen Glaubenszeugen machte, unter den Trümmern einer alten Kirche und vielen Skandalen vergraben. Es ist der Winter des Glaubens. 

Manche sehen die Zukunft der Kirche auf anderen Kontinenten. Doch tatsächlich könnte es auch sein, dass Kirche insgesamt als Institution sterben muss, um neu durchzustarten. Vielleicht wird dies nur hier bei uns schneller sichtbar. 

Gott ist aus den großen Volkskirchen von Köln, Regensburg und Wien ausgetreten. Ich erschrecke vor diesem Satz. Er ist nicht ganz fair. Es gibt auch vieles, war an diesen Orten neu startet. 

Trotzdem.

Immer neue Skandale verdunkeln das Zeugnis der Botschaft Jesu. Das Salz ist nicht mehr wirksam. Es hat seinen Geschmack verloren. Und trotz vereinzelter Bemühungen in den Regionen, in denen die großen Kirchen noch in der Mehrheit sind: es wäre vielleicht wirklich Zeit für einen ökumenischen Neustart. 

Christen sind dort glaubwürdig, wo sie Konflikte friedlich lösen und gemeinsam leben, was sie von Gott verstanden haben. Der Christ von morgen wird ein Mystiker sein, einer, der von Gott selbst erfahren hat. Der Gedanke von Karl Rahner hat mir immer gefallen. Wo lässt sich Gott finden? Vielleicht ist das tatsächlich dort leichter, wo so wenige Christen leben, dass die Konfessionen nur miteinander das Wohl der Stadt in den Blick nehmen können, weil die Aufgaben für eine Kirche allein zu groß wäre. 

Kurz gesagt: Die Zukunft der Kirche liegt nicht in Wien, Regensburg oder Köln, sondern in Leipzig, Dresden und Erfurt.  

Heinrich Timmerevers, Bischof von Dresden-Meißen, hat in einer Fastenpredigt in Münsterschwarzach gesagt: Kirche lebt in der Zeit. Und wir werden immer wieder das Gefühl habe. Es bleibt nichts mehr stehen. Und doch: Gott schreibt seine Geschichte mit der Kirche und in der Kirche und mit und in der Welt. Es gab und gibt einen neuen Anfang. 

Die Kirche ist mehr als eine Institution. Sie ist Zeugin Jesu, der uns die Botschaft gebracht hat, dass das Leben stärker ist als der Tod. Es ist vielleicht nicht nötig, den gordischen Knoten zu zerschlagen. Dabei würde neben viel Unkraut auch viel wertvolles verloren gehen. Vielleicht schaffen wir es, den Knoten mit viel Geduld zu lockern. Es gibt die Menschen, die eine Ahnung davon haben, was das Wesentliche ist. Papst Franziskus;

Die Kirche ist aufgerufen, zu den Wegkreuzungen von heute zu gehen, d.h. an die geographischen und existenziellen Ränder der Menschheit, an die Orte an den Rändern, zu den Situationen, in denen Menschen dichtgedrängt hausen und Bruchstücke des Menschseins ohne Hoffnung leben. Es geht darum, es sich nicht auf den bequemen und gewohnten Wegen der Evangelisierung und des Zeugnisses der Nächstenliebe einzurichten, sondern die Türen unseres Herzens und unserer Gemeinschaften für alle zu öffnen, denn das Evangelium ist nicht wenigen Auserwählten vorbehalten. Auch jene, die am Rand stehen, jene, die die Gesellschaft ablehnt und verachtet: Auch sie erachtet Gott als seiner Liebe würdig. Er bereitet sein Festmahl für alle vor: Gerechte und Sünder, Gute und Böse, Intelligente und Ungebildete.

Manche hören die Worte, haben aber den Glauben verloren. Zu viel ist geschehen. Zu groß ist die Enttäuschung mit der Institution und mit diesen Christen. Vielleicht muss Kirche tatsächlich ernst machen mit der Nachfolge und alle Sicherheit aufgeben. Als Christen wissen wir doch: der Tod hat nicht das letzte Wort! 

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Du weltweite Gemeinschaft der Hoffnung! Vertraue der Quelle, aus der Du entstanden bist! 

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