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O Wurzel Jesse

Die römische Liturgie kennt an den letzten Tagen vor der Geburt Jesu eine Reihe von Anrufungen, die zum Geheimnis des Weihnachtsfestes aus christlicher Perspektive hinführen. Am 19. Dezember blicken wir auf die Tradition, in die Jesus hineingeboren wird: 


O Spross aus Isais Wurzel,
gesetzt zum Zeichen für die Völker –
vor dir verstummen die Herrscher der Erde,
dich flehen an die Völker:
o komm und errette uns,
erhebe dich, säume nicht länger!


Am Beginn des Lebens gibt es ein paar Rahmenbedingungen, die uns zunächst einmal vorgegeben sind. Dazu gehört neben dem Geschlecht auch Sprache, Kultur und Traditionen. Jesus ist ein männliches Kind, Erstgeborener, aufgewachsen im von Römern besetzten Land , geprägt von der jüdischen Glaubensvorstellung und dem Gesetz.

Jesus wird nichts von diesen Dingen ablehnen, aber er wird all diese äußeren Faktoren für sich und seine Freunde neu deuten.

Jesus heiligt den Sabbath und geht in die Synagoge. 

Jesus heilt am Sabbath und wendet sich den Menschen zu, obwohl das manche ablehnen, die betonen, man müsse am Sabbath ruhen, um diesen Tag zu ehren. 

Nach dem Gesetz sollte eine Frau gesteinigt werden, erklärten die Schriftgelehrten. Jesus bestreitet das garnicht, führt aber eine zusätzliche Regelung ein, durch die diese Steinigung unmöglich wird: wer ohne Sünde ist, soll den ersten Stein werfen. 

Irgendwo in der Menge steht Jesus. Johannes steht im Mittelpunkt. 

Irgendwo am Rande des Römischen Imperiums lebt Jesus. Die Geschichtswissenschaft überliefert Kaiser und erfolgreiche Heerführer. 

Irgendwo am Rande von Jerusalem stirbt Jesus, der König von Israel. 

Das Wesentliche passiert langfristig betrachtet nicht dort, wo die Herrscher regieren. Im Blick der Ewigkeit sind Eroberungen, Traditionen und Gesetze nicht entscheidend. 

Das Wesentliche wächst unbeachtet am Rand der Weltgeschichte. Manchmal kämpfen die Mächtigen dagegen, doch am Ende lassen sich entscheidende Ideen nicht unterdrücken. 

Und doch stellt sich Jesus in Traditionen. Er kämpft nicht dagegen, er deutet die Tradition neu. 

Er ist der Herrscher, der seinen Jüngern die Füsse wäscht. 

Er spricht mit den Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen und stellt sie in den Mittelpunkt. Er urteilt nicht über die Menschen, die nach der Überzeugung der Mächtigen verurteilt werden müssen. 

Vor allem stellt er Frauen in den Mittelpunkt. Das ist ungewöhnlich in einer Zeit, die stark patriarchal geprägt ist. Auch seine Jünger begreifen diesen Weg nicht. Jesus spricht mit der Frau am Jakobsbrunnen. Er ist mit Martha und Maria befreundet. Er lässt die Liebe und Zuneigung der Frau zu, die seine Füße salbt. Er beauftragt die Frauen am Grab mit der entscheidenden Information zu den Jüngern zu gehen. In allen diesen Situationen stehen die männlichen Jünger eher im Weg rum. Von Gott berufene Menschen müssen immer wieder die Erfahrung machen, dass ihre Berufung auf Ablehnung stösst. 

Wenn Jesus tatsächlich ein Dienstamt nur für Männer geschaffen hat, dann kann es dafür eigentlich nur diesen Grund geben: Männer tun sich besonders schwer damit, den letzten Platz zu finden. Männer brachten stattdessen vielfach Leid in die Welt. 

Wenn Jesus tatsächlich will, dass nur Männer zu Diakonen, Priestern und Bischöfen werden, dann kann dieser Dienst in der Nachfolge Jesu nur ein Dienstamt der Ohnmacht sein. Die Realität sieht anders aus. Aber es gibt Hinweise darauf, dass Gott die Kirche in die Ohnmacht schickt. 

In der Tradition der Kirche wird grundsätzlich erkannt, dass Leitung anders verstanden werden muss. Deshalb wird oft von Dienst gesprochen. Die Skandale um geistlichen und sexuellen Missbrauch zeigten: man kann davon sprechen, Diener zu sein und trotzdem über andere Macht ausüben. 

Bei Euch aber soll es nicht so sein! Wer von Euch den ersten Platz beansprucht, soll der Diener aller sein. 

Im Ringen um Frauenordination, Zölibat und Strukturen der Kirche hilft es vielleicht, an den Umgang Jesu mit Traditionen anzuknüpfen. 

Alles bleibt, wie es die Überlieferung lehrt, aber alles wird neu auf Gott und das Gebot der Liebe ausgerichtet.  

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